Rupp-Rehbaum-Eichner_Militaerspionage

Klaus Eichner, Karl Rehbaum, Rainer Rupp,
Militärspionage – Die DDR-Aufklärung in NATO und Bundeswehr,
(Band 6 der Geschichte der HV A),
ISBN 978-3-360-01828-1

Rainer Rupp war »Topas« und die Spitzenquelle der DDR im NATO-Hauptquartier. Rainer Rupp verhinderte 1983 nachweislich den Atomkrieg, als während der provokativen NATO-Übung Able Archer die sowjetischen Nuklearwaffen bereits scharf gemacht wurden und uns nur noch wenige Minuten von der Vernichtung trennten. »Topas« informierte Berlin, und die DDR wiederum die sowjetische Führung, dass kein Angriff der NATO bevorstünde. Die Autoren berichten, wie das militärstrategische Gleichgewicht den Frieden sicherte.

Rezension von Dr. Peter Veleff, Jurist, ehemaliger Bezirksanwalt, in seiner aktiven Dienstzeit Stabsoffizier der Militärdirektion des Kantons Zürich:

Ein wichtiges Buch zur Zeitgeschichte des Kalten Krieges.

Vor 60 Jahren überfiel die Wehrmacht des damaligen „Deutschen Reichs“ nach anderen Ländern völlig überraschend auch die Sowjetunion. Sie marschierte in aggressiver Eroberungsabsicht bis zum Kaukasus und an die Wolga. Die überfallenen Völker der Sowjetunion erlitten nebst unermesslichem weiterem Leid einen Blutzoll von 28 Millionen (!) Toten bis die Rote Armee– ab 1944 zusammen mit den West-Alliierten USA, England und Frankreich – die deutschen Truppen zurückgeworfen und auf deutschem Boden endlich besiegt hatten.
Folgen dieses Krieges waren eine Teilung Deutschlands durch die Siegermächte auf der Konferenz von Jalta und die Bildung von zwei ideologisch unterschiedlichen Machtblöcken. Aus dem einstigen ‚Deutschen Reich‘ wurden zwei deutsche Staaten, auf beiden Seiten geprägt durch die gesellschaftlichen und politischen Vorstellungen der jeweiligen Besatzungsmacht .
Russland hatte im zweiten Weltkrieg bereits zum zweiten Mal feindliche westliche Aggressoren an den Pforten vor Moskau abzuwehren. Es hatte im mörderischen Kampf gegen die deutschen Truppen auch den größten Blutzoll aller Kriegsbeteiligten erlitten, nämlich, nach dem schweizerischen Historiker Dr. H.R.Fuhrer, innert nur eines einzigen Kriegsmonates etwa gleich viele Tote zu beklagen wie die US-Truppen während des ganzen Krieges. Erstaunt es, dass auf der Ostseite des späteren ‚Eisernen Vorhanges‘ nach dem Sieg über Deutschland die feste Entschlossenheit bestand, dass sich so etwas nie mehr ereignen dürfe, dass einem zukünftigen Aggressor nie mehr eine Überraschung gelingen dürfe und dass deshalb auf der eigenen Seite alles vorgekehrt werden müsse um eine solche nie mehr zuzulassen? Keiner Begründung benötigt die Notwendigkeit des Aufbaues eines effizienten und innerhalb der Länder der eigenen Machtsphäre koordinierten Auslands-Nachrichtendienstes, in der DDR nach sowjetischem Vorbild aufgebaut und (nebst der militärischen Aufklärung der NVA) benannt ‚Hauptverwaltung Aufklärung (HVA)“. Deren fachliche Kompetenz und Effizienz war und ist in Ost und West unbestritten.
Im neu vorliegenden Buch schildern die Autoren sowohl den Auftrag als die Erfüllung dieses Auftrages, insbesondere die geheimdienstlichen Erfolge der HVA gegenüber dem potentiellen Hauptgegner des östlichen Machtblockes, also der NATO und speziell der Deutschen Bundeswehr. Das Besondere an diesem Buch ist, dass es nicht von irgendwelchen Leuten geschrieben wurde, welche die Geschehnisse nicht aus eigener Wahrnehmung kennen, sondern von solchen, welche selbst zu den Hauptträgern der operativen Tätigkeit der HVA gehörten, also aus eigenem, unverfälschtem Wissen schöpfen. Sie gehören zu den sehr wenigen Zeitzeugen des Kalten Krieges, welche praktisch alle Absichten, Einschätzungen, Planungen, Vorgänge und geheimen Dokumente der NATO und der Bundeswehr bestens kannten. So weil sie diese in der HVA selbst professionell zu beschaffen oder auszuwerten hatten. Ihre Darstellungen der erzielten Aufklärungserfolge vermitteln daher Einblick in zahlreiche, zum Teil im Westen noch immer unter Verschluss gehaltene geheime Vorgänge in NATO und Bundeswehr im Kalten Krieg, wie sie der Öffentlichkeit – offenbar aus politischen Gründen – bisher nicht zugänglich waren.
So ist auch heute – mehr als 20 Jahre nach der offiziellen Beendigung des Kalten Krieges! – eine Einsicht in das zentral wichtige NATO-Dokument MC 161 auch für Historiker noch immer verschlossen. Für eine historische Aufarbeitung des Kalten Krieges aber von besonderer Bedeutung, weil in diesem Dokument, in der NATO ständig nachgeführt, die Erkenntnisse und Einschätzungen der realen Möglichkeiten und Absichten des östlichen Machtblockes durch die NATO-Organe zuhanden der obersten, politisch entscheidenden Regierungen laufend dokumentiert wurden. Von politisch besonderer Brisanz zudem auch darum, weil, gemäß den Angaben der auch über den Inhalt des hochgeheimen Dokumentes MC 161 genau orientierten Zeitzeugen der HVA, aus dem umfangreichen Text hervorgeht, dass die westlichen Entscheidungsträger wussten, dass der gegnerische „Warschauer-Pakt“ in Wirklichkeit weder beabsichtigte noch kräftemäßig in der Lage war, den westlichen Militärblock überraschend anzugreifen oder gar zu ‚überrennen‘, so wie es im Westen in der Öffentlichkeit stets dargestellt wurde. Die Autoren bezeichnen deshalb den Kalten Krieg nicht nur als gegenseitige gigantische Absichts-Spiegelung (so der vorne erwähnte Schweizer-Historiker Dr. Fuhrer im Band XI der Geschichte des schweizerischen Generalstabes) sondern als eine – und zwar auf beiden Seiten betriebene! – gegenseitige „Absichtslüge“ (Oberst Rehbaum). Stimmt diese Beurteilung, dann war das gegenseitige Hochtreiben der Rüstungsspiralen auf beiden Seiten doppelter menschlicher Irrsinn.
Eine Überprüfung dieser starken Aussage Rehbaums, notwendig durch seriöse Historiker beider Seiten, benötigt nun dringend der Freigabe der Einsicht in das Dokument MC 161 im NATO-Archiv in Brüssel. Sie ist nach 20 Jahren überfällig!

Zusammenfassend halte ich das neu vorliegende Buch (es ist als Band 6 der Geschichte der HVA im Handel) für einen wichtigen und nötigen Beitrag zur Zeitgeschichte. Es enthält eine Vielfalt von neuen Fakten zum Kalten Krieg. Und: wo es sich um persönliche Meinungen und/oder persönlich-subjektive Wertungen durch die Autoren handelt, sind diese als solche für den Leser zwecks eigener Meinungsbildung aus dem Text gut ersichtlich.

Als Schweizer bin ich weder befugt noch kompetent, mich in die schwierigen innerdeutschen Auseinandersetzungen rund um die (erst zum Teil bewältigte?) innere Wiedervereinigung Deutschlands einzumischen. Zu einer seriösen historischen Aufarbeitung des Kalten Krieges gehören aber sicherlich Angaben und Beurteilungen von Zeitzeugen nicht nur des Westens sondern auch des Ostens. Politisch oder noch immer ideologisch motivierte Versuche, nicht genehme Aussagen oder Publikationen einfach zu unterdrücken, sind nicht geeignet, sich der objektiven Wahrheit zurückliegender Geschehnisse mindestens anzunähern. Es ist deshalb nicht verständlich, warum auch nach zwei Jahrzehnten immer noch missliebigen Zeitzeugen aus der DDR erschwert oder, begleitet von persönlichen Diffamierungen, verhindert werden soll, auch deren Ausführungen und Meinungen öffentlich zum Ausdruck zu bringen. Weder eine plötzliche Sperrung eines bereits gemieteten Saales (so geschehen für eine Buchvorstellung des hier besprochenen Buches), eine grundsätzliche Verweigerung von Lokalitäten für Veranstaltungen (eine von ehemaligen Angehörigen der HVA beabsichtigte Tagung musste 2007 von Berlin in eine dänische Universität verlegt werden!), noch die Verweigerung der Benützung und Akteneinsicht in ehemals eigene Akten aus der Zeit der DDR im BStU-Archiv für frühere Staatsfunktionäre sind für eine notwendige geschichtliche Wahrheitsfindung hilfreich.

22.10.2011 Peter Veleff (Zürich)

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