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Eiskalte Geopolitik (II)

17.03.2016

BERLIN/MOSKAU/WASHINGTON

(Eigener Bericht) – Die Beteiligung von Eliteeinheiten der Bundeswehr an dem zur Zeit in Norwegen stattfindenden NATO-Manöver „Cold Response“ („Kalte Antwort“) verweist auf ein gesteigertes deutsches Interesse an der Arktis. Während die Truppe ihre Fähigkeiten im „Winterkampf“ schult, strebt die Bundesregierung nach eigenem Bekunden an, die nördliche Polarregion zum „zentralen Gegenstand deutscher Politik“ zu machen. Die durch die globale Klimaerwärmung bedingte Eisschmelze ermögliche sowohl die „Erschließung von Rohstoffvorkommen“ als auch die „Durchfahrt von Schiffen in arktischen Gewässern“ und eröffne damit neue „Perspektiven für die deutsche und europäische Wirtschaft“, heißt es. Unterdessen will Russland offiziellen Erklärungen zufolge den Seeweg, der den europäischen Nordatlantik über die russische Arktisküste mit dem Pazifischen Ozean verbindet („Nordostpassage“), zu einem „Transportkorridor von globaler Bedeutung“ ausbauen – gemeinsam mit China. US-amerikanische Medien sprechen bereits von einer neuen Phase der „Konkurrenz“ um „Interessensphären“ und bezeichnen die Arktis als künftigen „Zankapfel“ zwischen Moskau und Washington.

Zentraler Gegenstand deutscher Politik

Die Beteiligung von für Kriegsoperationen hinter den feindlichen Linien vorgesehenen „Spezialkräften“ der Bundeswehr an dem zur Zeit in Norwegen stattfindenden NATO-Manöver „Cold Response“ (german-foreign-policy.com berichtete [1]) korrespondiert mit den gesteigerten deutschen Interessen an der Arktis. Bereits Ende 2013 verabschiedete die Bundesregierung verbindliche „Leitlinien deutscher Arktispolitik“, die auf die „geopolitische“ und „geoökonomische“ Bedeutung der nördlichen Polarregion verweisen. Die sich in Folge der globalen Klimaerwärmung „rasant beschleunigende Eisschmelze“ eröffne neue „Perspektiven für die deutsche und europäische Wirtschaft“, heißt es darin. Möglich sei nunmehr die „Erschließung von Rohstoffvorkommen in der Arktis“, und auch die „Durchfahrt von Schiffen in arktischen Gewässern“ rücke in greifbare Nähe. Man wolle daher die nördliche Polarregion zu einem „zentralen Gegenstand deutscher Politik“ machen und strebe eine „kohärente Integration arktischer Belange in der Außen- und Sicherheitspolitik der EU“ an, erklärt das Auswärtige Amt.[2]

Vielversprechende Wachstumspotenziale

Schon 2011 implementierte das Bundeswirtschaftsministerium einen „Nationalen Masterplan Maritime Technologien“ (NMMT), der explizit auf die deutschen Interessen in der nördlichen Polarregion Bezug nimmt. Darin heißt es: „Durch den Klimawandel haben die Eisdicken und die Eisausbreitung in der Arktis stark abgenommen. Daraus ergeben sich perspektivisch völlig neue Möglichkeiten zur Erschließung von Rohstoffquellen in eisbedeckten Gebieten. Daneben wird der Nördliche Seeweg als die um 40 Prozent kürzere Seeverbindung zwischen Europa und Ostasien gegenüber dem Suez-Kanal immer stärker in den Fokus der Schifffahrt kommen.“ Es sei daher dringend geboten, durch „rechtzeitige Forschung und Entwicklung“ an der „bevorstehende(n) Erschließung und Nutzung“ der Arktis zu partizipieren, um sich auf diese Weise „vielversprechende Wachstumspotenziale“ zu sichern.[3]

Bedeutende Rohstoffvorkommen

Auch die staatliche Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) erklärt in einer aktuellen Studie, die Arktis sei „reich an Bodenschätzen“ und verfüge „im Weltmaßstab über bedeutende Rohstoffvorkommen“.[4] Verwiesen wird insbesondere auf sogenannte Hochtechnologiemetalle und Seltene Erden, die für die industrielle Produktion in den westlichen Metropolen unabdingbar sind. Offiziellen US-amerikanischen Studien zufolge lagern in der nördlichen Polarregion bis zu einem Drittel der weltweiten Erdöl- und Erdgasreserven – etwa so viel wie in Saudi-Arabien vor Beginn der Förderung. Trotz des aktuellen Preisverfalls werde ihre Exploration fortgesetzt, heißt es. Die Bundesregierung treibt ihrerseits die Polarforschung massiv voran; in den vergangenen zehn Jahren wurden hierfür rund 960 Millionen Euro aufgewandt. Die Gelder flossen an das im brandenburgischen Potsdam beheimatete Alfred-Wegener-Institut, das erst kürzlich seine „Hauptschwerpunkte für die zukünftige Arktisforschung“ vorgestellt hat. Wie der verantwortliche Wissenschaftler der Einrichtung, Volker Rachold, bei dieser Gelegenheit ausführte, gehe es darum, „Wissen zu generieren und an Entscheidungsträger zu vermitteln“. Im Fokus der Tätigkeit seines Instituts stehen demnach Untersuchungen über die „Rolle der Arktis im globalen Klima-, Wirtschafts- und geopolitischen System“ sowie die Entwicklung von „Modellen und Prognosen“ zur „zukünftigen Klimaentwicklung“ und zur „Belastbarkeit der arktischen Umwelt und Gesellschaft“.[5]

Wettbewerbsfähiger Transportkorridor

Unterdessen hat der stellvertretende russische Ministerpräsident Dmitri Rogosin angekündigt, Moskau werde die sogenannte Nordostpassage gemeinsam mit China zu einem „wettbewerbsfähigen Transportkorridor von globaler Bedeutung“ ausbauen.[6] Der Seeweg verläuft entlang der russischen Arktisküste zum Pazifischen Ozean und ist deutlich kürzer als die gängigen Schifffahrtsrouten, die von Westeuropa entweder durch den Suezkanal und den Indischen Ozean oder über den Atlantik durch den Panamakanal führen – Eisfreiheit vorausgesetzt. Zudem ist hier weder mit Piratenangriffen zu rechnen, noch werden Transitgebühren fällig. Wie Rogosin ausführte, ermögliche die Nutzung der „Nordostpassage“ selbst dann den Zugang nach Ostasien, wenn etwa die Türkei den Bosporus aufgrund eines militärischen Konflikts mit Moskau für russische Schiffe sperren sollte. Entsprechend umstritten ist die jüngst in russischen Regierungskreisen diskutierte Beteiligung des US-Unternehmens McKinsey an der Erschließung der „Nordostpassage“.

Die Militarisierung der Arktis

Die USA betrachten ihrerseits die russische Arktispolitik mit Argwohn; dem US-Militär nahestehende Medien sprechen bereits von einer neuen Phase der „Konkurrenz“ um „Interessensphären“ und bezeichnen die nördliche Polarregion als künftigen „Zankapfel“ zwischen Moskau und Washington (german-foreign-policy.com berichtete [7]). Gleichlautende Aussagen finden sich seit Jahren auch in der offiziösen deutschen Militärpresse; dort wird insbesondere der Vorwurf erhoben, Russland betreibe zwecks Absicherung von Ressourcengebieten und Transportrouten eine „Militarisierung der Arktis“.[8] Die nördliche Polarregion könnte angesichts der gesteigerten NATO-Aktivitäten tatsächlich zum Schauplatz von Konflikten mit hohem Eskalationspotenzial werden – ein Szenario, auf das sich die Bundeswehr durch die Beteiligung an Manövern wie „Cold Response“ vorbereitet.

 

[1] Siehe dazu Eiskalte Geopolitik (I). [2] Auswärtiges Amt: Leitlinien deutscher Arktispolitik. Verantwortung übernehmen, Chancen nutzen. Berlin, November 2013. [3] Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie: Maritime Technologien der nächsten Generation. Das Forschungsprogramm für Schiffbau, Schifffahrt und Meerestechnik 2011-2015. Berlin, Mai 2011. [4] Neue BGR-Studie zum Rohstoffpotenzial in der Arktis: Weltgrößtes gesichertes Seltene Erden-Vorkommen liegt in Sibirien. www.bgr.bund.de 16.01.2014. [5] Forschungsschwerpunkte für die Arktis festgelegt. idw-online.de 18.02.2016. [6] Arctic Fellowship. rusplt.ru 02.03.2016. [7] Siehe dazu Eiskalte Geopolitik (I). [8] Siehe dazu Eismeer statt Wüstensand und Arctic Roadmap.

Erschienen bei GERMAN-FOREIGN-POLICY.COM