2017 – Hundert Jahre Oktoberrevolution

Dieses epochale Ereignis, das nicht nur Russland sondern auch die Weltgeschichte nachhaltig verändert hat, wurde am vergangenen Samstag, dem 30. September, vom Deutschen Freidenkerverband im Rathaus Pankow in Berlin in angemessener Weise gewürdigt.

von Rainer Rupp

Der deutsche Freidenkerverband, der vor über hundert Jahren aus dem Kampf der Arbeiterbewegung gegen die geistige Unterdrückung mit Hilfe der Religion durch die herrschende Klasse hervorgegangen ist, hat guten Grund, die Große Oktoberrevolution zu feiern. Denn über viele Jahrzehnte war dieser Versuch, eine echte Alternative zum Kapitalismus und Imperialismus zu schaffen, von Erfolgen gekrönt, die für die Menschheit bis dahin unvorstellbar waren.
Aus Russland, dem rückständigsten Land Europas, dem Land des Analphabetentums, dem Land der absoluten Armut und des Hungers und der Knechtschaft der Massen, wurde innerhalb von zwei Jahrzehnten ein moderner Industriestaat mit einer hochgebildeten Arbeiterschaft und einer auf modernen wissenschaftlichen Erkenntnissen bauenden, mechanisierten Landwirtschaft. Und all das hatte der neue Sowjetmensch aus eigener Kraft geschaffen, ohne ausländische „Investoren“ und Banker, ohne die herrschende Kapitalistenklasse und ihre Profiteure, die auch heute noch verächtlich auf die arbeitenden Menschen herunterschauen.
In der Sowjetunion war ein für alle Mal die Zeit vorbei, in der Arbeiter für den Kapitalisten nichts anders als Objekte waren, „Produktionsfaktoren mit Ohren“. Unter Führung der KPdSU hatte die sowjetische Arbeiter- und Bauernschaft ihr Schicksal in die eigene Hand genommen; es gab schon kurz nach dem Ende des Bürgerkriegs eine gesetzlich geregelte Arbeitszeit von acht Stunden am Tag, bezahlten Urlaub, kostenlose Gesundheitsversorgung und gesicherte Renten, sowie kostenlose Aus- und Weiterbildung, Recht auf Arbeit und auf ein Dach über dem Kopf. Von diesen sozialen Menschenrechten, die übrigens unter dem Einfluss der Sowjetunion auch in die Charter der Vereinten Nationen eingegangen sind, können auch heute die Menschen in den meisten Ländern der Welt nur träumen, zum Beispiel in Brasilien und selbst in weiten Teilen der USA.
Zwei Dinge waren für diese fulminante Entwicklung in der jungen Sowjetunion hauptsächlich verantwortlich: Erstens, die Entfesselung der kreativen Kräfte des ganzen Volkes und zweitens, die Tatsache, dass die Früchte der gigantischen, wirtschaftlichen Errungenschaften und des technologischen Fortschrittes nicht in die Gewinnmaximierung von Konzernchefs oder in die Taschen der großbürgerlichen Coupon-Schneider geflossen sind, sondern stattdessen die materielle Grundlage für die Errichtung einer neuen, sozialistischen und emanzipatorischen Gesellschaft geschaffen haben; mit dem Ziel der Verwirklichung weitreichender humanistischer Ideale, nicht nur in der UdSSR sondern für die gesamte Menschheit.
Um die hundertste Wiederkehr dieses epochalen Ereignisses zu würdigen, waren am Samstag weit über hundert Menschen in den mit vergoldeten Wandelementen aus der Zeit des Jugendstils reich verzierten Großen Saal des Rathauses Pankow in Berlin gekommen. Der war schnell mit Publikum jeden Alters überfüllt, so dass die breite Zwischentür zum Nebenraum geöffnet werden musste. Denn der Bundesvorsitzende der Freidenker, Klaus Hartmann, hatte zu dem Anlass hochkarätige Experten auf das Podium gebracht.

„Die Oktoberrevolution als Aufbruch in gesellschaftliches Neuland“

Bruno Mahlow, der 1937 in Moskau als Kind kommunistischer Emigranten geboren wurde und von 1973 bis 1989 stellvertretender Leiter der Abteilung Internationale Beziehungen im Zentralkomitee (ZK) der SED war, sprach von der Oktoberrevolution als „Aufbruch in gesellschaftliches Neuland“. Mahlow, ein Mitglied im Ältestenrat der Partei Die Linke, betonte, dass es damals keine Blaupausen dafür gegeben habe, wie die neue Gesellschaft ohne Ausbeutung aufgebaut werden sollte.
Mit der Oktoberrevolution habe man vielmehr einen Weg in Gefilde betreten, die in der Menschheitsgeschichte noch nie beschritten worden waren. Dabei galt der Marxismus nicht als Dogma sondern als Kompass, also als Instrument der Analyse der gesellschaftlichen Realitäten, aus denen dann – unverfälscht von Religion und Aberglauben und basierend auf den Erfahrungen der Arbeiter und Bauern – die entsprechenden gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Handlungsanweisungen abgeleitet wurden. Leider sei in den letzten Jahrzehnten der Sowjetunion diese Vorgehensweise zunehmend vom Dogmatismus abgelöst worden. Der Besitz des Parteibuchs sei von vielen Mitgliedern der KPdSU zunehmend als Führerschein zur Karriere im Apparat angesehen worden. Diese und andere Probleme hätten schließlich zur Aushöhlung des Systems geführt, mit dem bekannten Ergebnis.

„Frauen als Gestalterinnen der Geschichte – Oktoberrevolution und ihre Folgen“

Für einen absoluten Höhepunkt der Konferenz sorgte Frau Professor Dr. Helga Hörz mit ihrem Vortrag „Frauen als Gestalterinnen der Geschichte – Oktoberrevolution und ihre Folgen“. Die ehemalige Lehrstuhlleiterin für Ethik an der Humboldt Universität Berlin (von 1969 bis 1990) und Vorsitzende der UNO-Weltfrauenkonferenz im Jahr 1990 präsentierte ein erschütterndes Bild von der Realität der Lage der Frauen im vor-revolutionären Russland. Laut Prof. Hörz mussten die Frauen damals noch unter dem „Feudalprinzip“ mehr vegetieren als leben. Die Frau wurde als Objekt behandelt. Sie war Eigentum des Mannes und seine Sklavin. Ihr Tag war gekennzeichnet von Schlägen, Arbeit und Furcht. Zugleich waren viele Frauen bereits in den Prozess der kapitalistischen Ausbeutung integriert, mit einem Arbeitstag zwischen 14 bis 18 Stunden. Der Lohn eines Mannes betrug damals 1 Rubel und 41 Kopeken, der einer Frau gerademal 72 Kopeken für die gleiche Arbeit.
Während des Ersten Weltkries und dann des Bürgerkriegs habe dann das Elend des gemeinen Volkes weiter zugenommen, vor allem aber das der Frauen. Und es waren die Frauen, die bei der Oktoberrevolution eine herausragende aufopfernde Rolle gespielt haben, die Lenin besonders gewürdigt hat. Unmittelbar nach dem Ende des Bürgerkriegs gehörte das Dekret zur gesetzlichen Gleichstellung der Frauen zu den ersten Handlungen der jungen Sowjetunion. Dazu gehörte gleicher Lohn für gleiche Arbeit, der 8-Stunden-Tag, die Anerkennung der Mutterschaft als soziale Aufgabe, das Gesetz zum Schutz von Mutter und Kind, die gesetzliche Gleichstellung von ehelichen und unehelichen Kindern, usw., usf.
Natürlich gab es auf Grund der Rückständigkeit des Landes, vor allem in den südlichen Regionen, bei der Umsetzung der neuen Gesetze zur Befreiung der Frau über viele Jahre erhebliche Schwierigkeiten von Seiten starrsinniger Männerclans. Aber die Probleme wurden, teils unter großen Opfern, nach und nach aber unnachgiebig ausgemerzt.
So kam es, dass zum ersten Mal in der Weltgeschichte ausgerechnet im rückständigsten Land Europas die Frau dem Mann absolut gleichgestellt war, nicht nur auf dem Papier sondern auch im Arbeitsleben und in der Ehe. Auf diese Freiheiten mussten Frauen in den meisten, so genannten „hoch entwickelten“ Ländern Westeuropas noch Jahrzehnte warten. Der Vortrag von Prof. Hörz erntete großen Applaus.

„Stalin, Repressionen, Sowjetdemokratie: UdSSR – eine Kriminalgeschichte?“

Für eine Kontroverse sorgte dagegen der Beitrag von Michael Kubi zum Thema: „Stalin, Repressionen, Sowjetdemokratie: UdSSR – eine Kriminalgeschichte?“. Der zweisprachig (russisch und deutsch) aufgewachsene Kubi zeichnete unter Verweis auf die in Moskau inzwischen geöffneten Geheimarchive aus der Stalinzeit ein ganz anderes, differenzierteres Bild, als das von dem „Monster Stalin“, das sich nach der Chruschtschow-Rede auf dem 20. Parteitag der KPdSU in Ost und West in den Köpfen festgesetzt hat. Damit war Kubi zu einem ähnlichen Ergebnis gekommen, wie auch eine Reihe von anglo-amerikanischen Historikern nach dem Studium der Stalin Geheimarchive. Die neuen Erkenntnisse haben sie in einer Reihe von Artikeln und Buchveröffentlichungen festgehalten.
Mit seinem Vortrag rüttelte Kubi jedoch an einem, bei vielen Menschen im Publikum sehr tief sitzenden Tabu. Es kam zu teils starken Reaktionen und Zwischenrufen. In der Diskussion einigte man sich aber darauf, dass man die neu zugänglichen Fakten und Dokumente von und über Stalin nicht einfach ignorieren könne, sondern dass diese gründlich studiert werden müssten und im Licht der Ergebnisse eventuell die Person Stalins neu bewertet werden müsse.

„Fernwirkungen der Oktoberrevolution“

Als nächstes sprach Dr. Andreas Wehr über die „Fernwirkungen der Oktoberrevolution“. Der 1954 in Berlin geborene Jurist leitet zusammen mit Dr. Marianne Schauzu das Marx-Engels-Zentrum in Berlin. Zuvor war er bis 2014 für 15 Jahre wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Fraktion der Linksparteien im Europäischen Parlament in Brüssel.
Als Beispiel für die Fernwirkungen der Oktoberrevolution auch heute noch in Deutschland verwies Dr. Wehr darauf, dass in den neuen Bundesländern die DDR – trotz aller propagandistischen Anstrengungen zu ihrer Verteuflung als Unrechtstaat – die real erfahrenen Errungenschaften des Sozialismus nicht aus den Köpfen der Menschen verschwunden sind.
„Das gesellschaftliche Bewusstsein der Einwohner der fünfeinhalb neuen Bundesländer ist weiterhin ein anderes als das in der alten Bundesrepublik. Und es sieht ganz so aus, dass diese Besonderheit auch in der nächsten Generation erhalten bleibt“, so Dr. Wehr wörtlich. Tatsächlich könne man in vielen Ländern weltweit beobachten, wie sich die „Echowellen“ der Oktoberrevolution „heute sogar wieder verstärken“. Diese Fernwirkungen seien auch in den internationalen Beziehungen zu spüren, führte Dr. Wehr weiter aus:
„Es ist eine Tatsache, dass es nach dem Ende des europäischen Sozialismus nicht zu einer vollständigen Beherrschung der Welt durch den US-geführten Imperialismus gekommen ist. Und das ist vor allem das Verdienst Russlands und Chinas, einem früheren, beziehungsweise einem weiterhin am Sozialismus festhaltenden Land. Man muss schon sehr kurzsichtig sein, wenn man nicht zu erkennen vermag, dass sich diese beiden Länder ständig und mit einigem Erfolg für eine Demokratisierung der internationalen Beziehungen einsetzen und für eine multipolare Weltordnung streiten.“
Weiter sagte Dr. Wehr:
„Russland und China wandten sich gegen alle imperialistischen Abenteuer der Neuzeit. Ich frage hier: Wer ist denn für die Kriege, für Not und Flucht in der Welt verantwortlich? Wer hat den Irak gleich zweimal angegriffen, wer Libyen überfallen und wer führt heute Krieg gegen den Jemen? Wer destabilisiert seit Jahren Syrien und interveniert ungeniert militärisch gleich in mehreren Staaten Afrikas. Und wer droht heute Nordkorea offen mit Krieg? Diese Liste ließe sich verlängern. In jedem dieser Konflikte sind es die westlichen NATO-Staaten, zusammen mit ihren jeweiligen Verbündeten, die die Verantwortung tragen. Und ihnen stehen vor allem Russland und China entgegen.“

„Immer wieder ostwärts: Die Konfrontationspolitik der NATO“

Anschließend sprach der 1945 geborene, gelernte Dipl. Volkswirt, Publizist und Journalist Rainer Rupp zum Thema „Immer wieder ostwärts: Die Konfrontationspolitik der NATO“. Rupp, der seit 1977 in der Politischen Abteilung des Hauptquartiers der NATO in Brüssel tätig war, hatte von dort unter dem Decknamen „Topas“ bis zu seiner Verhaftung im Jahr 1993 Informationen der höchsten Geheimhaltungsstufe aus dem Inneren der NATO an den Auslandsgeheimdienst der DDR geliefert. Im Juli 1993 wurde er verhaftet und zu 12 Jahren Freiheitsstrafe wegen Landesverrats verurteilt.
Rupp legte dar, dass durch die Befreiung der Werktätigen das rückständige Russland bis dahin in der Menschheit unvorstellbare wirtschaftliche und technologische Großleistungen vollbracht hat. Deshalb ging allein durch die Existenz der Sowjetmacht – ohne ihr eigenes Zutun – bereits eine tödliche Bedrohung für das kapitalistische Geschäftsmodell aus, denn im Westen bestand die Gefahr einer Nachahmung der Oktoberrevolution. Daher jährt sich im Juni 2018 auch der erste Versuch der westlichen, imperialistischen Mächte, unter anderem der USA, durch militärische Interventionen die Große Russische Revolution bereits im Keim zu ersticken, zum hundertsten Mal. Diese Versuche scheiterten zum Glück kläglich am Widerstand der Roten Armee. Dennoch ließen die ungeheuren Anstrengungen des Westens nicht nach, immer wieder neu zu versuchen, die Sowjetunion in die Knie zu zwingen.
Auch nach 1991, also nach dem Zerfall der UdSSR in ihre Teilrepubliken, setzten sich – nur unterbrochen von der korrupten Jelzin-Herrschaft – die westlichen Bemühungen fort, Russland gefügig zu machen. Denn unter der Führung von Präsident Putin hatte Russland seine nationale Souveränität wieder hergestellt. Seither gilt es wieder als Erzfeind Washingtons, weil es sich außerhalb der von den USA 1991 aus der Taufe gehobenen, US-geführten, neo-liberalen „Neuen Weltordnung“ gestellt hat.
Ein Aspekt dieser verwerflichen Sonderstellung Russlands ist, dass es sich bei den neuen Ordnungskriegen, mit denen die westliche liberale Wertegemeinschaft ganze Regionen der Welt mit Tod und Verderben überzieht, nicht nur nicht beteiligt, sondern sich – wie zuletzt in Syrien – aktiv quer stellt. Dadurch stellt Russland, das inzwischen mit China gemeinsame Sache gegen die US-geführte „Neue Weltordnung“ macht, eine ernste Bedrohung für das neo-liberale Geschäftsmodell des Westens dar, von dem vor allem die selbst erklärten Eliten auf Kosten der breiten Masse der arbeitenden Bevölkerung profitieren.

„Alternative Russlands zur Expansion der EU in Osteuropa“

Zum Abschluss der Konferenz referierte Prof. Dr. Anton Latzo über die „Alternative Russlands zur Expansion der EU in Osteuropa“. Professor Latzo war in der DDR Leiter des Lehrstuhls für Geschichte und Politik der sozialistischen Staaten Europas und hat seit den 1990er Jahren in linken Medien immer wieder zu Fragen des internationalen Friedenskampfes, der Außenpolitik der BRD, Geschichte, Entwicklung und Politik der Staaten Osteuropas sowie zur internationalen Arbeiterbewegung Stellung genommen.
Vor allem ist Prof. Latzo über die negative Neueinschätzung Russlands in dem 2016 erschienenen „Weißbuch zur Sicherheitspolitik und der Zukunft der Bundeswehr“ besorgt. Darin wird Russland jetzt als „eine Herausforderung für die Sicherheit auf unserem Kontinent“ dargestellt. Moskau wird der Vorwurf gemacht, „die europäische Friedensordnung offen in Frage“ zu stellen. Die Einschätzung Russlands als „Feind“ sei nicht mehr fern, warnte Latzo.
Dabei würden deutsche Regierungsvertreter und Berater zunehmend das Konzept einer Doppelstrategie gegenüber Russland verfolgen. „Was wir brauchen, ist eine Doppelstrategie, mit der wir einerseits Putins machtpolitische Zugriffsmöglichkeiten in Europa verwehren und andererseits mit ihm den Dialog über Zusammenarbeit führen und fortsetzen, so schwierig das unter den gegenwärtigen Bedingungen auch sein mag“, zitiert Latzo den Leiter der Münchener Sicherheitskonferenz Wolfgang Ischinger.
Noch deutlicher sei die Absicht in dem neuen Strategiepapier der Bunderegierung „Neue Macht, neue Verantwortung“ zu erkennen. Darin ginge es darum, den Zielen des deutschen Imperialismus verstärkt Geltung zu verschaffen. Zugleich aber habe Ischinger darauf hingewiesen, dass es nicht angehe, dass „unsere Russlandpolitik vom amerikanischen Kongress oder von Entscheidungsträgern in europäischen Parlamenten in Geiselhaft genommen“ werde.
Laut Latzo sei der deutsche Imperialismus offensichtlich gewillt, jede Situation zu nutzen, um Deutschland von einer „Gestaltungsmacht im Wartestand“ zu einer der Führungsmächte aufsteigen zu lassen. Dazu sei man bereit, sowohl „kooperative Techniken“ (Wandel durch Annäherung), aber auch militärische Mittel „bis zum Kampfeinsatz“ einzusetzen.

Damit endete die von allen Beteiligten als sehr erfolgreich eingeschätzte Konferenz des deutschen Freidenkerverbandes zum Thema 100 Jahre Oktoberrevolution.

Erschienen bei RT Deutsch am 04.10.2017