Destabilisierung um jeden Preis: Washington will Niederlage in Syrien nicht akzeptieren

Die Schreibtischtäter bei CIA und Pentagon wollen sich in Syrien nicht geschlagen geben. Der Plan zum gewaltsamen Regimewechsel wurde noch nicht aufgegeben. Dafür haben sie neue, perfide Strategien ausgearbeitet, um Syrien zu teilen und die Bedrohung durch Terrorbanden aufrechtzuerhalten.

von Rainer Rupp

Die Kriegstreiber in Washington, die für geostrategische, politische oder finanzielle Vorteile über die Leichen ganzer Völker gehen, haben sich in Syrien – dank des entschlossenen Eingreifens von Russland auf Seiten der rechtmäßigen Assad-Regierung – mit ihrem verbrecherischen Abenteuer gründlich verrechnet. Ihre als unbesiegbar dargestellte und mit modernsten westlichen Waffen ausgerüstete Speerspitze gegen Präsident Assad, nämlich die mit mittelalterlicher Brutalität gegen alle Ungläubigen und sonstigen Gegner kämpfende ISIS-Terrorarmee, ist inzwischen weitgehend aufgerieben und hält sich nur noch in kleinen Häufchen in isolierten territorialen Taschen.
Auch die US-Versuche, die von allen Nachbarländern isolierten und von der Türkei sogar bekämpften YPG-Kurden als neue US-Stoßtruppe gegen die Assad-Regierung einzusetzen, ist bereits weitgehend gescheitert und damit auch Washingtons Plan, die öl- und gasfördernde Region im Osten Syriens von der Zentralregierung in Damaskus abzuspalten. Damit wollte Washington zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen: Die Assad-Regierung sollte ihrer dringend benötigten Energie-Ressourcen beraubt werden, und die YPG-Kurden sollten dadurch die finanziellen Mittel für die Gründung ihres eigenen Staates bekommen.
Abgesehen davon, dass ein unabhängiger YPG-Kurdenstaat nach allen Seiten von nicht gerade freundlichen Nachbarn umzingelt wäre, gibt es noch viele weitere, gute Gründe, weshalb Washingtons Plan für dauerhafte US-Militärbasen auf dem Boden eines unabhängigen YPG-Kurdenstaates nicht aufgehen wird.
Einer davon ist, dass die Syrisch-Arabische Armee für die territoriale Integrität Syriens kämpfen wird. Zweitens ist die öl- und gasfördernde Region, welche die YPG-Kurden ihrem traditionellen Territorium einverleiben wollen, hauptsächlich von syrischen Arabern bewohnt. Das heißt, dass die YPG-Kurden mit ihrer ganz anderen Kultur in der lokalen arabischen Bevölkerung keine Unterstützung für ihre Pläne finden werden.
Zudem ist die Glaubwürdigkeit der USA bei allen Kurden auf einen Tiefstand gefallen. Ganz ohne diplomatische Vorarbeit oder Vorwarnung hatte Washington nämlich vor wenigen Wochen die Barzani-Kurden im Nordirak unmittelbar nach deren Unabhängigkeitserklärung von Irak wie einen heißen Apfel fallen gelassen. Das hat sicherlich die Moral der YKG-Truppen für US-Ziele in der Region zu kämpfen und zu sterben nicht gerade angehoben.
Und dann wäre da noch die Syrisch-Arabische Armee. Die ist heute so stark wie noch nie. Sie wurde in den viele Jahre langen Kämpfen gestählt; sie ist mit modernen Waffen ausgerüstet, und sie wird vom russischen Militär unterstützt, nicht nur von der Luftwaffe bei den Kämpfen, sondern auch bei deren Vorbereitung, z. B. durch militärische Berater, durch die Feindaufklärung und auch durch logistische Versorgung. Dem haben die YPG-Kurden als Unterstützer nichts anderes als die unzuverlässigen Amerikaner entgegenzusetzen.
Nicht zuletzt bietet Damaskus den syrischen Kurden einen verbesserten, noch über das frühere Niveau hinausgehenden Autonomiestatus an.
Allein schon die oben aufgezählten Argumente machen deutlich, dass – bei rationaler Abwägung – die Zukunft der syrischen Kurden nur auf der Seite von Assad und Damaskus liegen kann, denn – egal wie groß die Versprechungen der Amis sind – die Alternative für die YPG-Kurden wäre, sich als jederzeit opferbare Figuren des unberechenbaren US-Imperiums auf dem Schachbrett des Mittleren Ostens wiederzufinden.
Vor dem oben geschilderten Hintergrund dürfte auch die letzte US-Dumpfbacke inzwischen begriffen haben, dass die „unbesiegbare“ und „unverzichtbare“ US-Supermacht mit ihrem kriminellen Syrien-Abenteuer diesmal ihren Karren richtig tief in den Dreck gefahren hat. Dennoch denken viele in Washington in ihrem Allmachtwahn gar nicht daran, sich ihr Scheitern einzugestehen und den Plan zum gewaltsamen Regimewechsel in Syrien aufzugeben. Stattdessen versuchen diese Schreibtischverbrecher nun die Dschiadisten-Einheiten der Terror-Organisation „Al-Kaida in Syrien“ aus dem Abseits in der Provinz Idlib hervorzuholen.
„Al-Kaida in Syrien“ ist hierzulande vor allem unter dem Namen „al-Nusra“ bekannt. Al-Nusra steht ganz oben auf der Terrorliste der Vereinten Nationen. Allerdings wurde al-Nusra nach dem Auftauchen des „Islamischen Staats“ in Irak und Syrien (ISIS) nach vielen bewaffneten Auseinandersetzungen zwischen den beiden Gruppen auf den zweiten Platz hinter ISIS zurückgedrängt. Aber jetzt, nachdem ISIS weitgehend zerschlagen ist, existiert al-Kaida immer noch, vor allem in Idlib, der nordöstlichen Provinz Syriens. In dieser an die Türkei grenzenden Region operieren weiterhin noch Dutzende kleinerer Terrorgruppen in den unterschiedlichsten Provinzen, allerdings meist in Koalition mit al-Kaida, die das Sagen hat. Und diese Situation wollen die Falken in Washington ausnutzen, um das Feuer des Kriegs in Syrien am Brennen zu halten.
Zwar weiß man auch in Washington, dass von Idlib so schnell keine neue militärische Offensive gegen Damaskus oder Aleppo gestartet werden kann, aber als neue Hochburg des dschihadistischen Terrorismus könnte die Provinz als Basis für verheerende Attacken gegen zivile und militärische Ziele im befreiten Syrien dienen. Zugleich könnte mit Hilfe von Terroranschlägen unter „falscher Flagge“ die dringend notwendige politische Stabilisierung in Syrien nach dem Ende des Krieges verhindert werden.
Neue US-Waffenhilfe würde al-Kaida in Idlib befähigen, auf Jahre hinaus die Provinz in eine schärende Terrorwunde im Fleisch der Assad-Regierung zu machen und womöglich den Grundstein für einen neuen Versuch des Regimewechsels zu legen, so zumindest die derzeitigen Überlegungen in Washington.
Um diese Strategie in die Tat umzusetzen, darf Washington angesichts des Zusammenbruchs von ISIS keine Zeit verlieren und muss möglichst schnell der führenden Terrorgruppe in Idlib unter die Arme greifen, bevor sich die Syrisch-Arabische Armee Assads mit Unterstützung durch Russland, den Iran und der Hisbollah für die Befreiung von Idlib umformiert hat.
Aber da gibt es ein Problem. Al-Nusra/al-Kaida steht immer noch auf der internationalen Terrorliste der UNO und der USA. Bevor man aber offen gegen die eigenen Regeln verstößt, muss die Wahrnehmung von den al-Nusra-Terroristen als Köpfe abschneidende Monster verbessert werden. Der bereits bei RT Deutsch vorgestellte Artikel „Das moderate Gesicht von al-Kaida“, der jüngst in der international renommierten US-Zeitschrift „Foreign Affairs“ erschienen ist, dürfte ein erster, aber wichtiger Schritt in Richtung der Legitimierung einer neuen Welle von US-Waffenhilfe an die in Syrien noch übrig geblieben, islamistischen Gewaltextremisten sein. Der Verfasser der Artikels, Colin P. Clarke, arbeitet als Terrorismusexperte in der RAND-Denkfabrik der US-Airforce. Mit seiner gefährlichen Verharmlosung der al-Kaida/al-Nusra-Terrorbanden weiß er sich jedoch in bester Gesellschaft.
Kein geringerer als General a.D. David Petraeus, ehemaliger Oberkommandeur der US-Streitkräfte im Irak, der in dieser Position für die US-Konzerne das irakische Volk von seinen Naturschätzen befreien wollte und später unter Präsident Obama als Chef der US-Terror- und Folteragentur CIA die „westliche Unwertegemeinschaft“ global abgesichert hat, also dieser General Petraeus hatte schon Ende August 2015 allen Ernstes öffentlich gefordert, mit den US-Waffenlieferungen an die Terroristen in Syrien nicht länger Versteck zu spielen, sondern al- Nusra auf direktem Weg offen mit US-Waffen, Ausbildung und Militäraufklärung im Kampf gegen Assad und damit auch gegen die Russen und Iraner zu unterstützen. Die offene US-Hilfe an al-Nusra rechtfertigte Petraeus mit dem Argument, dass diese Bande von Kopfabschneidern gemäßigter seien als ISIS und sich mit direkter US-Waffenhilfe besser gegen den „Islamischen Staat“ zur Wehr setzen könnten.
Da aber Washington über die arabischen US-Verbündeten am Golf auch ISIS indirekt unterstützt hat, dürfte der wahre Grund für den Petraeus-Vorschlag darin gelegen haben, mit der Stärkung von al-Kaida in Syrien neben ISIS ein zweite, schlagkräftige Front gegen die syrische Regierungsarmee zu schaffen und damit die mit russischer Hilfe gemachten Fortschritte der syrischen Regierungsarmee zurückzurollen. Denn den USA ging es in Syrien nie um die Bekämpfung des Terrorismus. Das ist durch zahllose offizielle Stellungnahmen aus Washington belegt. Selbst US-Präsident Obama bestätigte, dass der Sturz Assads und der seiner Regierung Vorrang vor der Bekämpfung von ISIS habe. Der Kampf gegen die Terroristen wurde für die Öffentlichkeit in den meisten Fällen nur simuliert, mit wenigen Ausnahmen. Nur in den seltenen Fällen, bei denen ISIS direkt US-Interessen angegriffen hatte, wurde der „Islamische Staat“ von US-Streitkräften empfindlich bestraft.
Zwar stehen die Chancen der US-Kriegstreiber in Washington und deren Pläne, Idlib als Hochburg des Terrors zu erhalten besser als bei der Umsetzung ihrer Vorstellungen für die Region der syrischen YPG-Kurden im Osten des Landes. Aber wenn es Russland und dem Iran mit diplomatischer Unterstützung und ökonomischer Zusammenarbeit gelingt, die Türkei davon zu überzeugen, die Grenze zu Idlib auch für al-Kaida/al-Nusra dicht zu machen, und die von Ankara unterstützten turkmenischen Rebellen in die kasachische Hauptstadt Astana an den Verhandlungstisch mit der syrischen Regierung zu bringen, dann kann al-Nusra in Idlib nicht überleben. Dann wären Washingtons Pläne für eine neue Terrorhochburg in Idlib zum Scheitern verurteilt. Dann hätten die USA, zusammen mit ihren Verbündeten in den Golfstaaten, den Krieg um Syrien endgültig verloren.

 

Erschienen bei RT-Deutsch am 6.11.2017