Die Nostalgiker der Sudeten und der Prager Frühling

Im Jahr 1977 erschien in der Edition Ramsay, Paris das Buch „Dossier Neo-Nazisme“ von Patrice Chairoff.

Im Kapitel Organisations de réfugiés berichtet Chairoff über revanchistische Organisationen von Flüchtlingen aus verschiedenen sozialistischen Staaten und ihre früheren Verbindungen zu den Nazis, darunter in einem Unterkapitel auch über „Die Nostalgiker der Sudeten“. Hier ein Auszug in deutscher Übersetzung mit interessanten Informationen zum Prager Frühling:

Allein in der BRD operieren mehr als 25 Vereinigungen gegen die Sozialistische Republik der Tschechoslowakei und reklamieren ihre Zerstückelung. Diese Vereinigungen sowie die Ministerien und ihre Abteilungen verantwortlich für „Flüchtlinge“ haben an ihrer Spitze Männer, die sich schwerwiegender Verbrechen gegen Frieden und Menschlichkeit schuldig gemacht haben. In ihrer Tätigkeit als hochrangige Offiziere der SS, leitende Figuren der 5. Kolonne oder als Beamte der Naziverwaltung, waren sie mitverantwortlich für die Vorbereitung und Auslösung des 2. Weltkrieges, die Verfolgung von Antifaschisten und Juden sowie für die Hinrichtungen von Kriegsgefangenen und Zivilisten in den von den Faschisten besetzten Ländern.

Einige Beispiele: Ernest Lemmer, ehemaliger Minister der „Vertriebenen, Flüchtlinge und Kriegsgeschädigten“ und Vertreter des Kanzlers in West-Berlin, war einer von Göbbels Spezialisten, der sich durch Denunziation seiner Journalisten-Kollegen, die bei der Gestapo als zu lau angesehen wurden, Ruhm verschaffte; sein Amtsvorgänger Hans Krüger, Nazirichter, Ausrottungs-Spezialist in Polen; Hans Kohnert, Mitglied des Vorstands des „Landsmannschaft Ostpreußen“ ist der Henker der polnischen Stadt Bydgoscz und Paul Illing, Hans Neuwirth und Siegfried Zoglmann, der „Sudetendeutschen Landsmannschaft“, deren Verdienste auch selbstredend sind.

Neben offizieller Ermutigung bekommen die Dirigenten dieser revanchistischen Vereinigungen selbstverständlich auch direkte Unterstützung vom deutschen Geheimdienst. Der BND hat in den fanatischen Vereinen vom Typ „Landsmannschaften“ ein Milieu gefunden, der für Anwerbungen ideal ist, konnte Provokateure rekrutieren und in der Tschechoslowakei einschleusen. Wie Dr. Hans-Christoph Seebohm, Sekretär der „Sudetendeutschen Landsmannschaft“ und Minister in der Regierung Erhard prahlte: „Wir sind die Speerspitze im Kampf für den Zusammenbruch des bolschewistischen Kolonialismus in Ost-Europa…*39“

Diese vom CIA und BND kontrollierten Agenten spielten eine bestimmende Rolle in der Verbreitung von subversiven Clubs und Vereinen in der Tschechoslowakei ab Feb. 1968. Monatelang spionierten speziell ausgebildete Agenten, ermittelten Schwachstellen, die für psychologische Aktionen geeignet waren und erarbeiteten Pläne für kriegerische Auseinandersetzung, die durch Sabotage, Attentate und durch eine „Strategie der Spannung“ in einer Provokation vom Typ Gleiwitz münden sollte, gefolgt von einer Intervention der Nato. Eine ca. 40.000 Mitglieder starke Organisation, ausgestattet mit automatischen Waffen *40 wurde zusammengestellt, und geheime Druckereien, Lager mit Waffen und Funkmaterial, besonders in Prag, PIzen, Bratislava, Brno, Ostrawa und Karlovy Vary wurden eingerichtet.*41 Diese eigenartige und wenig bekannte Vorbereitung des „Prager Frühlings“ wurde in der BRD unterstützt durch ein ganzes Netzwerk von Amateurradiosendern, die falsche Nachrichten und Losungen während der gesamten Dauer der Ereignisse in die Tschechoslowakei sendeten.*42 Unter Kontrolle des BND standen mehr als 40 Amateurradiosender mit Kennzeichnen DL, DJ und DK in der Region Waldhaus und Furth i.W., die ab August 1968 auf den Frequenzen 40m und 80m im Rahmen einer großangelegten Propagandakampagne alarmistische und falsche Nachrichten sendeten. Die Pilot-Sender waren DJ6Si von Baldur Drobnica *43 und DL7iK von Alfred Ebert.*44 Sie arbeiteten in Verbindung mit drei Piratensendem in der Tschechoslowakei: OK8CRS, OK1A und OK1B. Auf ihr Konto geht, unter anderem, die Verbreitung der Information am 22.August 68 von der Ermordung Alexander Dubceks.

Diese Netzwerke waren seit Monaten installiert. Mit falschen Papieren, als „Journalist“ Anton Speck, kam Oberst Fritz Fechner, 2. Befehlshaber der 12. Panzerdivision der Bundeswehr, vom 8.-12. Mai 68 in die Tschechoslowakei, um die Einrichtung der Sender sicherzustellen.

Die Infiltrations-Spezialisten hatte der BND hauptsächlich aus dem extremistischen Verein rekrutiert, dem „Witikobund“. Die älteren Mitglieder des Witikobundes haben eine aussagekräftige Vergangenheit und die jüngeren sind aktiv in der Neonazi-Szene. Sie unterhalten enge Verbindungen mit Emigranten-Organisationen wie AKON,*45 „Europäische Slowakische Bewegung „*46 von Jan Geci, oder das „National Committee for the Liberation of Slovakia“*47 und die „Slovak League of America.“*48

Patrice Chairoff, „Dossier Neo Nazisme“, aux Éditions Ramsay, Paris, 1977, ISBN-10: 2859560300 (Seiten 426 – 429)

Die im Buch angegebenen Fußnoten zu diesem Unterkapitel:
*39 Der Spiegel, Hamburg, 17 Mai 1961.
*40 Sunday Times, 25.Aug.1968 und Washington Post 26.Aug.1968.
*41 In den Kellern von elf Ministerien wurden Lager mit modernen Waffen endeckt (MGs, MPs, Panzerfäuste, Granaten) von amerikanischem und westdeutschem Fabrikat.
*42 Hier eine unvollständige Liste: Bayern: DL1KW, DL2PZ, DL3KR, DL6NR; Baden-Württemberg: DJ3CY, DJ4DN, DJ4SB; Rheinland-Pfalz: DK1HP, DL8HW, DL8VA; Hessen: DJZER; Nordrhein-Westphalen: DJ6NJ, DJ6SE; Niedersachsen: DL8XC, DJ2CY, DL6Xr; Schleswig-Holstein: DJ7YT UND DJ8EK.
*43 D-5 Widdersdorf bei Köln, Alter Mühlenweg, 6, BRD
*44 D- Berlin-Spandau, Neuendoiferstr. 6, BRD
*45 S.2. Kapital
*46 D-6231 Sulzbach bei Frankfurt/M, Altkönigstr. 34, BRD
*47 National Press Bulding, Washington, DC 20004
*48 PO Box 150, Middletown PA 17057, USA

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Zum Thema Prager Frühling und NATO schrieb die Berliner Zeitung am 16.04.1996:

Prager Stasi: NATO wollte 1968 in CSSR intervenieren
Experten streiten um Echtheit der Dokumente
Hans-Jörg Schmidt, Prag

Die NATO hat während des „Prager Frühlings“ 1968 angeblich eine militärische Intervention der CSSR geplant.

Diese Behauptung ist nach Angaben der Zeitung „Mlada fronta dnes“ in bislang unveröffentlichten, geheimen Akten des ehemaligen tschechoslowakischen kommunistischen Spionagedienstes (StB) aus dem Jahre 1971 enthalten. Das Blatt beruft sich bei seiner gestrigen Information auf Fachleute aus dem Prager Innen- und dem Verteidigungsministerium, die besagte Akten derzeit studieren.

Wie die Zeitung schreibt, würden einige der Experten den Behauptungen über ein vom Westen erwogenes Eingreifen Glauben schenken, während andere davon überzeugt seien, daß sich die kommunistische Spionage die angeblichen NATO-Pläne nur ausgedacht habe. Der Chef des Archivs im Innenministerium, Jan Frolik, meinte, es handle sich bei dem Dokument um eine der seinerzeit nicht ungewöhnlichen Fälschungen, um die Bedeutung des Spionagedienstes zu belegen.

Dagegen erklärte ein namentlich nicht genannter hochrangiger Mitarbeiter der früheren Militärspionage-Abteilung Berichte über die Vorbereitung von Hilfsaktionen des Westens für die Reformer des „Prager Frühlings“ seien seinerzeit vor allem aus der DDR gekommen.

Der vermeintliche Plan der NATO, der in dem StB-Material „Zephir“ genannt wird, war in drei Etappen unterteilt. Im Rahmen dieses Planes wurde mit der Steigerung der destruktiven Aktionen „bis zum Einsatz der in der Bundesrepublik Deutschland stationierten Truppen der 7. US-Armee mit der westdeutschen Bundeswehr gerechnet“, heißt es laut „Mlada fronta dnes“ in dem Dokument.

In der ersten Phase sollten demnach die NATO-Geheimdienste versuchen, Einfluß auf die Reformbewegung zu nehmen und eine Beherrschung der Staatsorgane von oben in die Wege zu leiten. In der zweiten Phase des Planes „Zephir“ wurde angeblich damit gerechnet, daß der Zusammenstoß von Reformern und Kommunisten in einen Bürgerkrieg münden könnte.

„Beide Phasen sollten im Bedarfsfall durch einen militärischen Eingriff von außen auf dem Weg einer Intervention verdunkelt und unterstützt werden“, zitiert die Zeitung. In der dritten Phase schließlich sollte die CSSR aus dem Warschauer Pakt austreten. Die NATO wies gestern den Bericht zurück.

(Sehe: https://www.berliner-zeitung.de/experten-streiten-um-echtheit-der-dokumente-prager-stasi–nato-wollte-1968-in-cssr-intervenieren-17271568)