Gedanken zum Fortbestehen der deutschen Teilung und zu Problemen der Einheit

von Dr. Heinz Günther

Hat sich die „deutsche Wiedervereinigung“ allein schon mit der Herausbildung einheitlicher staatlicher und gesellschaftlicher Strukturen erfüllt? Eine kritisch-sachliche Antwort auf eine solche Frage zu finden erfordert, neben den sozialen und ökonomischen Umständen vor allem auch die gesellschafts-politischen Geschehnisse, ihre Zusammenhänge und Hintergründe mit in Betracht zu ziehen.

– So wie die Geschichte beider deutscher Staaten der letzten Jahrzehnte wesentlicher Bestandteil der Systemauseinandersetzung war, muss auch das Geschehen um den Zusammenschluss beider deutscher Staaten, die so genannte „Wiedervereinigung“ eng in diesem Zusammenhang gesehen werden.

Eingeordnet in unterschiedliche Gesellschaftssysteme und durch vielfältige Vertragswerke gebunden, stellten beide deutsche Staaten jahrzehntelang gewissermaßen die Speerspitze der sich gegenüber-stehenden Gesellschaftssysteme dar. Allein diese Tatsache hat vielfältige gesellschaftliche Erscheinungen hervorgebracht, deren nachhaltige Wirkungen nicht allein per Dekret, durch einen Einheitsvertrag ausgeräumt und überwunden werden können.

Die Geschehnisse der letzten Jahrzehnte hinterlassen vielfältigste Spuren in allen gesellschaftlichen Sphären, so dass insofern neben dem strukturellen Zusammenschluss beider deutscher Staaten Anzeichen der Teilung fortbestehen. Das sind soziale, materielle und kulturelle Ansprüche, Fragen des Gemeinwohls, Gemeinschaftssinns oder des individuellen Vorteil-, privat-egoistischen Gewinnstrebens, Lebensarten und Gewohnheiten bis hin zu unterschiedlichen gesellschafts-politischen Denkweisen und Geisteshaltungen. Mit der Zusammenfügung beider deutscher Staaten wurde den DDR-Bürgern innerhalb weniger Tage ein Staatsgefüge auferlegt mit dem zwar weite Kreise Vorstellungen von „Freiheit“ und „Wohlstand“, aber keinerlei realistischen Erfahrungswerte verbanden.

Tatsache ist aber, dass die ehemaligen DDR-Bürger nach dem Zusammenschluss beider Staaten so vielen ungewohnten Verhältnissen und Lebensbedingungen gegenüber den Bürgern der alten Bundesländer unterworfen wurden auf die sie langfristig nicht eingestellt waren.

Das bezieht sich vor allem auf eine Zweiteilung der gesellschaftlichen Grundinteressen. Sie ergeben sich neben den historischen Hintergründen vor allem aus den Lebensbedingungen in einem kapitalistischen Gesellschaftssystem.

Einerseits stellt die autark funktionierende Wirtschaft in jedem kapitalistischen Staat das Rückgrat des Staates, den eigentlichen entscheidenden Machtfaktor dar, der auf persönlichen Gewinn und privat-egoistisches Vorteilsstreben gerichtet ist, für den das Gemeinwohl der Gesellschaft nur als ein bedeutender Marktfaktor gilt. Andererseits ist das Grundinteresse der großen Mehrheit der Gesellschaft vor allem aber auf die Sicherung elementarster Lebensinteressen wie auf die soziale Sicherheit, Gleichberechtigung, Gerechtigkeit und das Gemeinwohl gerichtet.

Das sind zwei diametral entgegenstehende Grundinteressen der Gesellschaft, in denen sich der Grundwiderspruch unserer Zeit widerspiegelt. Er ist letztlich auch die Ursache für die sich ständig weiter öffnende Schere zwischen arm und reich auf die die ehemaligen DDR-Bürger in der Weise nicht eingestellt waren.

– Neben dieser Gesellschaftsteilung zwischen Vermögenden und Lohnabhängigen existiert jetzt für sie eine weitere Teilung besonderer Art. Seit mehr als 25 Jahren bestehen zwar im Teilgebiet der ehemaligen DDR, nominell die gleichen Rechtsgrundlagen, die aber in der ausgeübten Praxis immer noch gravierende Unterschiede der Lebensgrundlagen und Lebensbedingungen zwischen Ost und West „zulassen“. Sowohl die Löhne und Gehälter als auch die Renten und Sozialleistungen sind nahezu seit drei Jahrzehnten bei gleichen Arbeitsleistungen und Lebensbedingungen im Osten um einige Prozentpunkte niedriger. Welche Auswirkungen das zunehmend auf das Lebensniveau hat und letztlich die Ursache für die Häufung von Missstimmungen, Unzufriedenheiten und Ausschreitungen sind, ist kaum zu ermessen. Keine noch so spitzfindig formulierten Argumente können eine solche nachhaltige sozial und rechtliche Ungleichstellung der ehemaligen DDR-Bürger rechtfertigen, mit der sie gewissermaßen zu Bürgern zweiter Wahl gemacht werden. Eine rechtliche Grundlage für eine derartige Ungleichbehandlung gibt es nicht. Unabhängig davon begann der Zusammenschluss beider deutscher Staaten mit einem offenen Rechtsbruch.

DDR-Bürger, die als Staatsfunktionäre galten oder Mitglieder der SED, die Funktionen innehatten, wurden aus staatlichen Einrichtungen entfernt. Das traf Lehrer, Angestellte im Staatsapparat, Richter, Staatsanwälte, Polizeiangehörige und auch Berufssoldaten. Besonders waren aber die ehemaligen Mitarbeiter des MfS von dieser Praxis betroffen. Ihnen blieb trotz entsprechender Qualifikation der Zugang zu vielen Berufszweigen versperrt in denen sie nicht erwünscht waren. So nicht im Staatsapparat, in den Kommunen, nicht als Lehrer oder Erzieher, nicht bei der Bahn, bei der Post nicht und auch nicht im Wissenschafts- oder öffentlichen Bereich. Obwohl sie keinerlei strafbare Handlungen begangen hatten wurde das Rentenrecht kurzerhand zum „Rentenstrafrecht“ umfunktioniert und ihnen eine extrem erhebliche Kürzung ihrer Rentenansprüche auferlegt. Nach Rechts- und Gesetzesgrundlagen wurde einfach nicht gefragt. Die gab es nämlich nicht. Diese wurden rückwirkend durch Parlamentsbeschluss ersetzt. Ein Rückwirkungsrecht und eine Kollektivschuld, die dies hätte stützen können, gab es zwar auch nicht. „Aber die Zeit war eben so“! galt als hinreichende Rechtfertigung.

Man nahm sogar in Kauf, damit selbst gegen international gültige Rechtsprinzipien – wie  „Keine Strafe ohne Schuld“ – (nulla poena sine culpa“) und selbst auch gegen Verfassungsgrundsätze zu verstoßen.

Der bekannte Staatsrechtler Prof. Dr. Dr. Merten bezeichnete diesen Hergang in der Weise, dass „…die juristische Gestaltung der Staatszusammenführung durch den Einigungsvertrag Verwerfungen insbesondere bei der Ausführungsgesetzgebung ergeben, (hat) die einige Gruppen ehemaliger Versorgungsberechtigter nicht nur wirtschaftlich belasten, sondern auch diskriminieren.“ (Probleme gruppengerechter Versorgungsüberleitung / Vorwort / Duncker & Humblot 2012)

Sollte man angesichts solcher Tatsachen nicht ehrlicherweise von einer „Einvernahme“ der DDR statt von einer „Wiedervereinigung“ sprechen?

– Die seit mehr als 25 Jahren bestehende Ungleichbehandlung führt naturgemäß zu unterschiedlichen Lebensweisen, Lebensstandards und Lebensgewohnheiten, die sich letztlich auch in der Denkweise und Geisteshaltung niederschlagen. Wie anders wäre es sonst zu erklären, dass sich in den neuen Bundesländern in den periodisch stattfindenden Wahlen ein völlig anderes Bild der Stimmenanteile zeigt, als in den alten Bundesländern. Den eigentlichen Ursachen dieser Gegebenheit wird in den öffentlichen Analysen leider kaum nachgegangen. Das würde sicherlich zu Ergebnissen und Erkenntnissen führen, die der gewünschten offiziellen Linie entgegenstehen.

Der Anschluss an die Bundesrepublik war für alle ehemaligen DDR-Bürger nahezu mit einer kompletten Umstellung und mit nachhaltigen, tiefgreifenden Problemen in allen Lebenssphären verbunden. Sie erweisen sich heute als weit beständiger, als man erwartet und kalkuliert hatte.

Während es für einen Großteil der Bürger zunächst als die Erfüllung ihrer Wünsche und Hoffnungen erwies, erschien es ihnen nach und nach doch mehr als eine fremde Sphäre in der man eher den Ellenbogen ausfährt als die Hand ausstreckt.

Bisherige Versuche, den Bürgern einzureden und sie hoffnungsvoll zu stimmen, verlieren mehr und mehr ihre Wirkung. Jetzt, nachdem der Egoismus zum System erhoben wurde, in dem der Gemeinschaftssinn und die Kollektivität nur noch Erinnerungswert haben, ist sich jeder selbst der Nächste. Man hatte sich mental darauf einzustellen, dass in dem jetzigen kapitalistischen Staatsgefüge alle Facetten des egoistischen Gewinnstrebens, Vorteildenkens und des Konkurrenzstrebens vorherrschen. Für viele „DDR-Bürger“ erweist sich erst jetzt, dass Privateigentum die Menschen trennt, Gemeinschaftssinn nicht gefragt ist und die These gilt: Geld regiert die Welt.

Statt dieses System nach seiner Struktur offen als „Kapitalismus“ zu bezeichnen wird es auch im offiziellen Sprachgebrauch „Demokratie“ genannt. Das geschieht aus dem Grunde, weil es eher über den wahren Charakter des Staates hinwegtäuscht und suggeriert, als würde allein die Tatsache, dass man jetzt in periodischen Abständen Abgeordnete unterschiedlicher Parteien wählen darf, schon Ausdruck einer vollkommenen Demokratie sein.

Dass aber die eigentliche Macht im Staate von der privat-kapitalistischen Wirtschaft ausgeübt wird und die Regierung mehr oder weniger nur eine Art PR-Rolle spielt, die dieses System zu vertreten hat, verschweigt man. Begriffe wie Freiheit, Demokratie, Gerechtigkeit, Gemeinwohl, Gleichheit, Solidarität usw. verkommen in ihrer Propaganda immer mehr zu hohlen Phrasen.

– Der eigentliche Ausgangspunkt der Herausbildung eines solchen Systems und der damit entstandenen Probleme, liegt weit zurück. Sie haben letztlich ihre Ursachen in den kontroversen Interessen und Bestrebungen der Siegermächte des Krieges, die von westlicher Seite nie mit aller Offenheit angesprochen wurden. Es ging insofern um viel mehr als um ein bloßes Gegenüberstellen beider deutscher Staaten. Es war vor allem ein Bestandteil der Systemauseinandersetzung zwischen sozialistisch orientierten und kapitalistischen Staaten, die hier in Deutschland konzentriert und ausgetragen wurde.

Ein brennendes Interesse der kapitalistischen Staaten bestand und besteht darin, ein weiteres Vordringen sozialistischen Gedankengutes und vor allem das Entstehen sozialistischer Gesellschaftsordnungen zu verhindern und hier an der Elbe zu stoppen. Für die BRD und die anderen europäischen Staaten durften sie auf keinen Fall als mögliche gesellschaftliche Alternative zu ihren kapitalistischen Systemen gelten.

Das kapitalistische System sollte in den Augen der Bürger als lukrativ und erstrebenswert und der Sozialismus als lebens- und leistungsunfähig erscheinen. Koste es, was es wolle. Diesem Streben wurden alle Aktivitäten untergeordnet, die in der Regel mit subversivem Vorgehen gegen die DDR verbunden wurden.

Selbst der bürgerliche Historiker Prof. Dr. Klöss bezeichnete dieses Streben so:
„Die Bundesrepublik musste wirtschaftlich stark und damit attraktiv für ihre Bewohner und eine ständige Versuchung für die DDR-Bürger sein“. …. „Die westdeutsche Ostpolitik folgte den von den USA gesetzten Spielregeln des Kalten Krieges und praktizierte eine Politik der Stärke und der Abgrenzung gegenüber dem Ostblock und insbesondere gegen den `Spalterstaat` der DDR“( Deutsche Geschichte / Köln, 1993 S. 680 /690)

Während die Ostdeutschen die Reparationskosten an die Sowjetunion alleine zu tragen hatten, um zumindest die von den Deutschen angerichteten horrenden Verwüstungen auch nur ansatzweise wieder gutzumachen, genoss der Westen das „Wohlwollen“ der westlichen Siegermächte, sich nicht an einer Wiedergutmachung des angerichteten Schadens beteiligen zu müssen. Und nicht nur das.

Der Strategie der USA und der anderen kapitalistischen Siegermächte folgend, sollte die BRD zu einem wesentlichen Bestandteil dieser Strategie, zu einem Bollwerk gegen den Sozialismusgedanken gemacht werden.

Demzufolge blieb ihr nicht nur die Demontage der Rüstungs- und Schwerindustrie erspart und Reparationsleistungen erbringen zu müssen, sie konnte auch die „Wohltaten“ der „Petersberger Abkommen“ nutzen und wurden so vom Saulus zum Paulus. Dass sie sich damit auf Gedeih und Verderb den US-amerikanischen Weltherrschaftsplänen ausgeliefert hat, die noch Generationen nach ihnen ihre Auswirkungen haben würden, hat man dem Volk verschwiegen.

Da es schwer zu vermitteln gewesen wäre, was hier gespielt wurde, auf welche Hintergründe dieser plötzliche Segen an „Wohltaten“ zurückzuführen war, entschied man sich, auf religiöse Erfahrungswerte zurückzugreifen. So machte man sich den von der Religion seit Jahrhunderten praktizierten „Wunderglauben“ zunutze, der unter den Völkern schon immer zu den tollsten Phantastereien führte. So kam es, dass die wundersamen Beschwörungen eines Cicero bis in unsere Zeit hinein sprichwörtlich und zur gesellschaftlichen Irreführung großer Teile der Bevölkerung genutzt wurden.

Die Deutschen waren eigentlich ja schon vorher an dieser Art gesellschaftlicher Formierung gewöhnt. In guter Erinnerung war der kaum zu erklärende Fanatismus der Nazizeit. Dazu gehörte der unerschütterliche Glaube an die Prophezeiungen für das Bestehen eines „Tausendjährigen Reiches“, der Glaube an die Unfehlbarkeit eines gottähnlichen „Wundertäters“, an die „Wunderwaffen“ und den „Endsieg“. Was sprach also dagegen, diese Erfahrungen für die „kleingläubigen“ Deutschen zu übernehmen?

In der BRD landete man den großen Treffer mit der Erfindung des „Wirtschaftswunders“. Diese Erfindung befreite die Herrschenden von der Aufgabe, die gesellschaftlichen Hintergründe erklären zu müssen. Die in diesem Zuge erreichten wirtschaftlichen Besserungen wurden als Ausdruck der Leistungsfähigkeit ihres kapitalistischen Systems und seiner Bürger dargestellt, was von ihnen gerne angenommen wurde. Damit sollten und wollten sie sich den ostdeutschen Bürgern und ihrem Gesellschaftssystem gegenüber leistungsmäßig überlegen fühlen. Daraus erwuchs dann die dümmlich-dreiste Propagandatour, von den armen „Brüdern und Schwestern“ im Osten, die zu „bedauern“ waren, in einem „unterentwickelten System“ leben zu müssen. Bedauerlich ist, dass dies heute noch das eingeimpfte Denkmuster großer Teile der Bürger ist.

Als dann die DDR an die alten Bundesländer angeschlossen wurde, setzte man die bewährte Praxis der Wunderpredigten fort, die ja schon früher auch auf weite Teile der DDR-Bürger gut gewirkt hatte. So kreierte man ihnen von höchster Stelle die Prophezeiung von den „blühenden Landschaften:“ Wer kann es den ostdeutschen Wählern verübeln, die hintergründigen Winkelzüge nicht auf Anhieb durchschaut zu haben.

– Von je her galten Wahlen in der BRD ja als Ausdruck einer praktizierten Demokratie. Diesen Glauben hatte man auch den ehemaligen DDR-Bürgern nachdrücklich als entscheidendes Kriterium eingeimpft. Nach der Wahl 1990 wurde das Ausmaß der „Linksorientierung“ im Osten zunächst am Stimmenanteil der damaligen PDS gemessen, die zu der Zeit noch als einzige Oppositionspartei wahrgenommen wurde. Als sie dann bei dieser Wahl gerade einmal 15 % Stimmenanteile erhielt, triumphierte man in den bürgerlichen Medien und feierte das als die „Abwendung“ der DDR-Bürger von sozialistischem Grundgedankengut. Die lautstarke Propaganda, die pausenlose Verketzerung der Lebensbedingungen der DDR und andererseits die Lobpreisung des Lebens in dem kapitalistischen System schienen Früchte zu tragen.

Nun begab sich aber, dass die ehemaligen „DDR-Bürger“ in den nächsten Jahren Gelegenheit hatten, nach und nach selbst Bekanntschaft mit dem hoch gepriesenen, bisher fremden Gesellschaftssystem zu machen. Sie konnten persönliche Erfahrungen sammeln, Vergleiche anstellen und sich darauf einrichten, „blühende Landschaften“ erwarten zu dürfen. Man lernte jetzt aber auch, praktisch zu beurteilen, was man an sozialen, kulturellen und bildungsmäßigen Errungenschaften, dem Gemeinschaftssinn aufgegeben und dafür eingetauscht hatte. Mit diesen Erfahrungen aus beiden Gesellschaftsordnungen konnte man jetzt abwägen und Vor- und Nachteile verlässlich beurteilen.

Wenn die in Aussicht gestellten Prophezeiungen von den „blühenden Landschaften“ auch nur annähernd in Erfüllung gegangen wären und das unaufhörliche Verketzern der DDR-Verhältnisse auf fruchtbaren Boden gefallen wäre, hätte der Anteil der Linkswähler in den folgenden Jahren logischerweise immer geringer werden müssen. Indes erwiesen die Wahlergebnisse aber genau das Gegenteil.

Während die Anteile aus der Wahl 1990 viele „Analytiker“ noch zu der Prophezeiung veranlasst hatte, die PDS/ Partei, Die Linke“ auf das „Absterbeetat“ zu setzen, sahen sie sich nach den Wahlergebnissen der folgenden Jahre in Ostdeutschland genötigt, nachdenklich zu werden und nach neuen Begründungen zu suchen. Man sprach nun plötzlich von einem „fulminanten Comeback“ der Partei, Die Linke. Sie hatte ihre Stimmenanteile im Osten zur Bundestagswahl wesentlich erhöht und auch in den Folgejahren zu den Landtagen erhalten und ausgebaut. Hinzukommt, dass die PDS bzw., Die Linke, durchaus nicht mehr als die einzige Oppositionspartei im Bereich der ehemaligen DDR galt. Für die Beurteilung der Stimmungslage im Osten müssen daher auch die Anteile anderer Oppositionsparteien, linksgerichteter Gruppierungen und auch resignierender Nichtwähler in Betracht gezogen werden.

– Während man in den Jahren zuvor immer noch bemüht war, die Wahlergebnisse stets als Ausdruck der einmütigen Zustimmung zu dem neuen Gesellschaftssystem zu werten, war man nun bemüht, andere Wege zu gehen um loyale und positive Haltungen zur DDR nachdrücklicher auszuräumen.

Auffällig ist daher, dass kaum ein Tag vergeht, an dem man noch nach einem Vierteljahrhundert über alle Medien und Kanäle die DDR verketzert. Besonders herhalten muss das von der DDR eher als „Verzweiflungsakt“ eingeführte Grenzregime, mit dem sie sich der ständigen Abwerbungen hoch qualifizierter Fachleute und deren Abwanderung erwehren wollte. Jeder Kommentar über die DDR, jeder Jahrestag, jedes Jubiläum irgendeines Geschehens werden genutzt, um negative Wertungen offen oder verdeckt zu Ungunsten der DDR anzubringen. Offensichtlich soll auf alle Fälle verhindert werden, dass die DDR-Zeit auch nur im Ansatz oder in Teilbereichen als vorteilhaft und schon gar nicht das System der DDR als gesellschaftliche Alternative angesehen wird.

Sicher ist es richtig, die Partei, Die Linke, als einen bedeutenden Hoffnungsträger für die Wiederherstellung oder Wahrung sozialer, bildungsmäßiger und kultureller Werte und des Gemeinschaftssinns zu betrachten. Dabei sollte aber nicht übersehen oder geringgeschätzt werden, dass sich die Bürger selbst ein objektiveres Bild machen und sich auch immer stärker an positive Werte der DDR-Zeit erinnern.

Es wäre aber zu wünschen, dass die Partei, Die Linke, künftig entschiedener Haltungen in ihren eigenen Reihen entgegentritt, die die DDR pauschal als „Unrechtsstaat“ verunglimpfen und sich damit selbst eine wichtige gesellschaftliche Argumentationsbasis entziehen. Wer sich noch nach mehr als 25 Jahren immer wieder auf die Suche macht nach irgendwelchen Mängeln oder vermeintlichen Fehlleistungen der DDR, dem kann es nicht ernst sein, Alternativen zu der heutigen Ordnung zu finden. Wie sich zeigt, tun sich die mit solchen Aufgaben betrauten „Analytiker“ immer schwer damit, bestimmte unpopuläre Maßnahmen und Vorgehensweisen der DDR als Reaktionen auf Aktionen der Gegenseite zu erkennen, statt immer wieder zu versuchen, sie der DDR als Fehler anzulasten und sie gar als Wesenszüge eines sozialistischen Systems zu werten.

Wenn sich gewisse Leute aber dem Drängen ihrer persönlichen Ansichten nicht erwehren können, die bereits wiederholt aufgearbeitete „Geschichte der DDR“ unter dem Gesichtspunkt ihrer eigenen unvollkommenen und daher fehlerhaften Überzeugung „aufarbeiten“ zu müssen, sei ihnen empfohlen, sich ihre Anstrengungen zu ersparen. Stattdessen sollten sie die tatsächlichen Ursachen der widersprüchlichen Entwicklung seit dem Zusammenschluss beider deutscher Staaten zum Gegenstand ihrer „Aufarbeitung“ machen. Darin würden sie hinreichend Material für aufschlussreiche, aktuelle Themen und möglicherweise auch Ursachen für den ihnen verloren gegangenen eigenen Realitätssinn finden.

– Die Geschichte vergangener Jahrzehnte hat immer wieder gezeigt, dass linksorientierte Kräfte in entscheidenden Fragen der Zeit uneinig waren oder durch provokantes Einwirken reaktionärer Kreise, keine Verständigung fanden. Die gleichen Tendenzen äußerten sich auch in der jüngsten Vergangenheit. Statt sich gemeinsam den wirklich brennenden Fragen unserer Zeit zu stellen und Prioritäten zu setzen, ergehen sie sich in innerparteilichen Auseinandersetzungen zu eher untergeordneten Fragen, schwächten die eigenen Kräfte und damit ihre Glaubwürdigkeit.

Meines Erachtens wird mit der Aktion „Aufstehen“ ein hoffnungsvoller Weg beschritten, diesen Teufelskreis zu durchbrechen um eine Verständigung aller links gerichteter Kräfte zu den herangereiften Fragen unserer Zeit herbeizuführen. Wem es wirklich ernst ist mit seinen Bekundungen kann und darf sich einer Zustimmung zu diesem Schritt nicht enthalten. Es wird höchste Zeit, endlich Lehren aus der Geschichte zu ziehen und damit dem Ernst der Zeit Rechnung zu tragen.

– An die Adresse der Instanzen, die die Richtungen der gleichgeschalteten Medien steuern, sei appelliert, hinzunehmen und zu akzeptieren, dass es höchste Zeit ist, die ehemaligen DDR-Bürger nicht wie bisher in materieller und sozialer Hinsicht als „Bürger zweiter Wahl“ zu betrachten und zurückzusetzen. Sie sind im Gegensatz zu gewissen anderen Kreisen mündige Bürger und darüber hinaus zu erfahrenen Teilhabern eines für die Geschichte bedeutsamen gesellschaftlichen „Experiments“ geworden. Eines Experiments, das auf die Schaffung einer sozialen Gesellschaftsordnung gerichtet war. Sie verfügen insofern über einen reichen Schatz gesellschaftlicher Erfahrungen, die sie in beiden Gesellschaftsordnungen gewonnen haben.

– Die Vertreter realistisch urteilender Medien wären insofern gut beraten, wenn sie sich der Position Willy Brandts erinnern und sie annehmen würden. Er hatte sich bekanntlich schon zu Zeiten des Kalten Krieges dafür ausgesprochen, dass es gut und nützlich wäre, eines Tages die besten Erkenntnisse und Erfahrungen aus beiden deutschen Staaten für die Gestaltung einer gemeinsamen deutschen Zukunft zu nutzen.

Man sollte endlich diesem Weg folgen bevor auch diese Chance vertan ist!