Krieg gegen den Iran? – Ein Déjà-vu (Teil III)

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Im Jahr 2007 war das Abschreckungspotential des Iran offensichtlich groß genug, um Washington von einem Angriff abzuhalten. Wie damals sieht auch aktuell wieder alles nach Krieg aus – mit einem großen Unterschied: Damals war die militärische und geo-politische Ausgangslage für Washington noch weitaus günstiger als heute.

von Rainer Rupp

(Die vorherigen Teile können Sie hier und hier nachlesen.)

Die Stärke der iranischen Abschreckung liegt in der Entschlossenheit der Führung zur massiven Vergeltung, wobei sie von der großen Masse des iranischen Volkes unterstützt wird. Irans politische und militärische Führung war weder 2007 noch heute bereit, sich wegzuducken und einen „kleinen“, begrenzten Angriff der USA einfach hinzunehmen. Daher gab und gibt es für Washington im Fall des Iran nicht die beliebte Option, den Gegner in einer ersten Phase mit ein bisschen Krieg, zum Beispiel mit Luftangriffen auf einige Atomforschungsanlagen, ungestraft weichzuklopfen. Vielmehr hätten die USA auch schon 2007 im Falle eines Angriffs sofort bis zum Hals in einem großen Krieg gesteckt, der sich über die ganze Region erstreckt hätte. Bis heute hat sich diesbezüglich nichts geändert.

Die iranische Gegenstrategie zielt darauf ab, „den Krieg sofort ins Lager der Gegner zu tragen“, womit die US-Basen in den Ländern am Persischen Golf und der gesamten Region gemeint sind. Eine wesentliche Rolle spielen dabei die Mobilisierung, Ausbildung und Bewaffnung des schiitischen Widerstands für einen asymmetrischen Krieg gegen die US-Besatzer in Irak und Afghanistan und gegen die Unterdrücker der schiitischen Minderheit in der Öl-fördernden Region Saudi-Arabiens, ebenso wie gegen die Unterdrücker der schiitischen Mehrheit in Bahrain, wo es ebenfalls eine große US-Basis gibt, und so weiter.

Zur Gegenstrategie gehörte damals auch, die Amerikaner in den Grenzregionen im Irak und in Afghanistan anzugreifen und in einen Landkrieg in den Iran hineinzuziehen. Aber wegen der bereits in Irak gemachten Erfahrungen ist man im Pentagon an einem Bodenkrieg im Iran überhaupt nicht interessiert, zumal die Unterstützung durch die Luftwaffe sich als weitaus schwieriger erweisen würde als im Irak. Aber in einen Bodenkrieg würden die USA automatisch hineingezogen werden, wenn Washington der US-Marineinfanterie den Befehl geben würde, die iranische Seite der Straße von Hormus von Raketen und anderen Waffen zu „säubern“, mit denen der Iran den Schiffsverkehr durch die Meerenge in und aus dem Persischen Golf unterbrechen könnte. Genau das aber hatte Teheran im Fall eines Krieges – auch aktuell wieder – angedroht.

Wenn es den US-Marines tatsächlich gelingen würde, die iranische Seite der Straße von Hormus zu besetzen und gegen Angriffe auf die Schifffahrt zu sichern, wären die US-Soldaten in diesen Gebieten ständigen Guerilla-, Raketen- und Artillerieangriffen aus dem Hinterland ausgesetzt. Um dies zu stoppen, müssten auch die US-Truppen sich weiter ins Landesinnere vorkämpfen und würden so nach und nach immer weiter in den Krieg am Boden hineingezogen, den sie eigentlich partout vermeiden wollten.

Aber der Iran konnte schon damals eine nicht zu unterschätzende konventionelle Streitmacht vorweisen. Im Dezember 2006 hatte die iranische Armee ein einwöchiges kombiniertes Luft-Boden-Manöver in fünf der südwestlichen Provinzen abgehalten, das eingeladene ausländische Beobachter als spektakulär bezeichneten. Insbesondere waren sie beeindruckt von der eingesetzten Hochtechnologie und den kombinierten, mobilen Operationen, einschließlich des Einsatzes von schnellen Eingreiftruppen, Hubschrauberflotten, Raketen und Hunderten von Panzern und Zehntausenden von gut geführten Soldaten, die mit scharfer Munition übten.

Dennoch ist es wenig sinnvoll, die zahlenmäßige oder qualitative Stärke der iranischen Streitkräfte mit jener der hochtechnisierten Supermacht USA zu vergleichen. Aber in Kombination mit der „asymmetrischen“ Kriegsführung hätten auch diese Einheiten unter Ausnützung ihrer Terrainkenntnisse und Überraschungsmomente den US-Truppen empfindliche Verluste zufügen können.

Der 2007 allseits erwartete US-Angriff auf den Iran fand damals nicht statt, nicht zuletzt weil die wirtschaftlichen Folgen durch die Schließung der Straße von Hormus, durch die etwa ein Drittel des auf der Welt gehandelten Öls transportiert wird, auch für die USA schlimme Folgen gehabt hätte. Letzteres gilt bis heute. Durch eine Sperrung der Meerenge zwischen Iran und Oman würden die Ölpreise weltweit in bisher unbekannte Höhen schnellen und auch der wackeligen US-Wirtschaft die Beine wegschlagen. Dadurch würden Trumps derzeit gute Chancen, wieder gewählt zu werden, verpuffen.

Geändert hat sich jedoch die geostrategische Lage im Mittleren Osten, allerdings zum Nachteil der Kriegstreiber in den USA. Die US-Luftwaffenbasen im Irak stehen laut der schiitisch geführten und Iran-freundlichen Regierung in Bagdad nicht für einen Angriff gegen den Iran zur Verfügung. Im Falle einen US-Angriffs gegen Iran stünden die nur noch einige Tausend zählenden US-Soldaten im Irak gegen die Hunderttausende zählende Übermacht der inzwischen kampferprobten und gut ausgerüsteten schiitisch-irakischen Milizen auf verlorenem Posten. Gleiches würde im Ernstfall für die paar Hundert oder paar Tausend US-Besatzer im Nord-Osten Syriens gelten.

Auch in Afghanistan steht heute – im Vergleich zu 2007 – nur noch ein Bruchteil der US-Bomber für einen Krieg gegen den Iran zur Verfügung. Und die dort stationierten US-Bodentruppen müssten sich nicht mehr nur gegen Angriffe der Taliban verteidigen, sondern auch gegen solche von der lokalen schiitischen Volksgruppe. Deren Kämpfer würden in diesem Fall sicherlich durch erfahrene, mit tragbaren Luftabwehrraketen und sonstigem modernen Gerät ausgestattete, hoch-motivierte iranische Kommandosoldaten verstärkt.

Die Türkei hatte bereits 2003 den Amerikanern verboten, ihr Territorium für Angriffe gegen den Irak zu benutzen und heute gilt das erst recht für den Iran, mit dem Ankara gute politische und wirtschaftliche Beziehungen pflegt. Auch die Benutzung der pakistanischen Luftwaffenbasen würde mit ziemlicher Sicherheit den USA für einen Angriffs gegen den Iran nicht zur Verfügung stehen, zumal Trump in den letzten zwei Jahren alles getan hat, um die US-pakistanischen Beziehungen nachhaltig zu torpedieren. Und Aserbaidschan und Turkmenistan kommen als Angriffsplattform für die US-Amerikaner erst recht nicht mehr infrage.

Im Unterschied zu 2007 können die USA den Iran nicht mehr aus allen Richtungen angreifen, sondern nur noch vom Westen her mit Schiffen im Persischen Golf und von den US-Basen in den angrenzenden, arabischen Feudalstaaten, sowie vom Südwesten her, dort von US-Schiffen im Golf von Oman, die sich aus guten Gründen erst gar nicht mehr in den Persischen Golf wagen. Dadurch wird für Teheran die Aufgabe, das Land zu verteidigen, stark vereinfacht, weil es seine Abwehrmittel auf einen stark begrenzten und besser zu überwachenden Raum konzentrieren kann.

Iranische Waffen können USA schweren Schaden zufügen

In letzter Zeit haben die Iraner wiederholt Washington gewarnt, dass sie Waffen entwickelt hätten, mit denen sie alle US-Angriffe abwehren und den Amerikanern eine vernichtende Lektion erteilen könnten. Für viele im Westen mag sich das als großmäulerisch anhören. Aber dem uralten Kulturvolk der Perser, wo die Mathematik bereits hoch entwickelt war, als die Germanen noch in den Wäldern lebten, wo das Schachspiel seit Jahrtausenden ein Volkssport ist, dem sollte man schon zutrauen, dass es auch in Sachen der Entwicklung komplexer digitaler Systeme und der dazu gehörigen Software – was ja gerade auch den Kern moderner Waffen darstellt – besondere Fähigkeiten entwickelt hat. Nachfolgend seien einige Beispiele genannt, die womöglich nur die Spitze des Eisbergs der iranischen Fähigkeiten darstellen:

  • Da wären beispielsweise die Fortschritte in der elektronischen Kriegsführung, mit denen es dem Iran vor wenigen Jahren gelungen war, den Stolz der US-Luftüberwachung, eine ultramoderne Spionagedrohne, die als Herzstück der strategischen US-Luftüberwachung des Pazifiks entwickelt worden war, elektronisch zu kapern und unversehrt auf einem iranischen Flughafen zur Landung bringen. Dort wurde sie anschließend seziert und ausgewertet. Die dabei gewonnenen Erkenntnisse haben wahrscheinlich den Iranern geholfen, erst letzte Woche eine 250 Millionen Dollar teure US-Drohne vom Typ Predator abzuschießen, obwohl diese Drohne auch speziell dafür programmiert war, Luftabwehrraketen rechtzeitig zu erkennen, um ihnen auszuweichen.
  • Da wäre auch die Fortentwicklung einer ursprünglich noch von der Sowjetunion entwickelten Unterwasserrakete zu nennen, die wie eine Mine auf dem Meeresgrund lauert und auf Befehl, eingehüllt von Gasbläschen, mit der mehrfachen Geschwindigkeit eines normalen Torpedos ins Ziel gelenkt wird. Die Sowjets hatte sie vorsorglich als Flugzeugträgerkiller konzipiert.
  • Und nicht zu vergessen wäre die iranische Weiterentwicklung einer ursprünglich chinesischen Land-See-Rakete. Vor etwa 10 Jahren kam diese Rakete zum ersten Mal vor der Küste Libanons – und zwar mit großem Erfolg – zum Einsatz. Ein brandneues, israelisches Kriegsschiff, das tief in die Hoheitsgewässer des Libanon eingedrungen war, wäre mit dieser Rakete von der Hisbollah fast versenkt worden. Obwohl das israelische Schiff mit der neusten Anti-Raketen-Elektronik vollgestopft war, hatte diese einzelne iranische Rakete es voll getroffen. Nur mir viel Glück war damals das Schiff nicht gesunken und konnte gerade noch rechtzeitig einen israelischen Hafen erreichen.

Daher können und sollten auch die Amerikaner davon ausgehen, dass die zerklüftete Küste der Straße von Hormus auf iranischer Seite mit ihren vielen Höhlen und Einbuchtungen mit modernen Anti-Schiffs-Raketen dieser Art gespickt ist.

Der Irak-Krieg war bekanntlich für die Amerikaner eine Katastrophe, und der Afghanistan-Krieg kostet auch nach über 18 Jahren immer noch viel Geld und amerikanisches Blut. Ein US-Landkrieg gegen den Iran würde die Intensität des Irak-Kriegs mit der Dauer des Afghanistan-Krieges verbinden, mit dem Unterschied, dass er von der Intensität ein Vielfaches von beiden Genannten wäre, auch in Bezug auf die zu erwartenden US-Verluste.

Die US-Militärführung ist sich dieser Situation bewusst und will keinen Bodenkrieg im Iran. Aber nach einem begrenzten US-Angriff aus der Luft und von See her würde die Reaktion Teherans – unter anderen die Schließung der Straße von Hormus – zwangsläufig die USA in einen Landkrieg hineinziehen.

Die iranische Führung will keinen Krieg, aber sie schreckt nicht davor zurück. Letztlich unterscheidet sie auch nicht zwischen einem konventionellen und einem Wirtschaftskrieg, mit dem Trump derzeit den Iran ersticken will. Wenn der Iran so weit in die Enge getrieben wird, dass zum wirtschaftlichen Überleben notwenige Ölexporte nicht mehr möglich sind, „dann soll auch Amerika kein Öl mehr von Saudi-Arabien und den anderen Golfstaaten beziehen können“ – so fast wörtlich die iranische Führung, die (auch für diesen Fall) ihre Entschlossenheit bekräftigt hat, die Straße von Hormus dichtzumachen.

Die Vernunft verbietet eigentlich der US-Führung, einen Krieg gegen den Iran vom Zaun zu brechen. Wenn es in Washington nicht die starke Fraktion der zionistischen Kriegstreiber gäbe, angeführt von Außenminister Pompeo, Sicherheitsberater Bolton und CIA-Chefin Gina Haspel, dann ginge trotz aller Drohgebärden von Präsident Trump die Wahrscheinlichkeit eines US-Angriffs gegen den Iran wohl gegen Null. Aber solange die gefährlichen Provokationen des wahnwitzigen Chaos-Trios Pompeo–Bolton–Haspel nicht gestoppt werden, ist das Schlittern in einen heißen Krieg zwischen den USA und dem Iran jederzeit möglich. Dennoch bleibt die Führung in Teheran aktuell genauso gelassen, wie schon 2007. Sie sieht das alles als große Operation einer psychologischen Kriegsführung, um den Iran in die Knie zu zwingen.

2007 schätzte Dr. Hossein Kachouyan, Professor der Soziologie an der Universität von Teheran und Experte für psychologische Kriegsführung, den Aufbau der gefährlichen US-Kriegs-Drohkulisse auf Raja News wie folgt ein:

Die Amerikaner werden derzeit sowohl von internen politischen Querelen geplagt als auch von internationalen Beschränkungen in ihrer Handlungsfreiheit eingeengt. Zusätzlich haben sie riesige wirtschaftliche, politische und militärische Probleme mit ihren Aggressionen gegen Afghanistan und Irak. Daher haben sie gar keine andere Möglichkeit, als lediglich einen psychologischen Krieg gegen den Iran zu führen, mit dem sie versuchen, die iranische interne Front zu spalten, indem sie Angst, Zweifel und Zwist schaffen.

Diese Einschätzung Kachouyans ist auch heute noch ziemlich aktuell, auch wenn einzelne Faktoren inzwischen durch andere ersetzt oder ergänzt wurden.

Erschienen bei RT Deutsch am 1.07.2019