Konferenz in Odense – 17./18. November 2007 – Erinnerungen eines Teilnehmers

Man schaut auf den Kalender und glaubt es kaum : es ist doch schon genau auf den Tag sechs Jahre her, dass am 17. und 18. November 2007 in Dänemark die dritte Konferenz stattfand, die sich mit der Geschichte und den Aufgaben der Hauptverwaltung A , des Aufklärungsdienstes des MfS der DDR, und auch mit gewonnenen Einsichten ihrer Mitarbeiter beschäftigte.

Sie war wohl die am besten vorbereitete Konferenz und Dank der vielen teilnehmenden Wissenschaftler und Fachleute aus einer ganzen Reihe von westlichen Ländern und deren Geheimdiensten auch inhaltsreichste Veranstaltung.

Allerdings gab es eine Ausnahme: aus den Diensten der Bundesrepublik – BND, BfV und MAD – und auch aus der Birthler-Behörde gab es keine Teilnehmer. Erstere lehnen nach wie vor jede Diskussion mit uns ab – letztere, die zwar ursprünglich diese Konferenz mit anregte, zog sich und ihre Teilnehmer zurück. Das Referat ihres wissenschaftlichen Mitarbeiters wurde nur verlesen, er selbst auch dafür später gerügt.

Die Konferenz war ja ursprünglich in Berlin geplant, wurde aber mit fadenscheinigen Gründen unmöglich gemacht. Als das Vorhaben zu scheitern drohte haben die Wissenschaftler und die Leitung der Süddänischen Universität Odense die Konferenz in Odense ermöglicht. Vielleicht gerade durch dieses Verdrängen aus Berlin wurde das Vorhaben international richtig bekannt. Noch nie wurde so detailreich und ausführlich in verschiedenen Themenkomplexen über die Arbeit der HV A und ihre Wahrnehmung durch die gegnerischen Dienste diskutiert. Die Vorträge und Referate bewegten sich bis auf eine Ausnahme auf sehr hohem Niveau, sie sind in der Dokumentation über die Konferenz ausführlich nachzulesen. („Hauptverwaltung A – Geschichte, Aufgaben, Einsichten“, Verlag edition ost, 2008)

Was blieb darüber hinaus in der Erinnerung besonders haften? Nicht zu überhören waren die Tendenzen in den Ausführungen einiger bundesdeutscher Vertreter, die Arbeit der HV A abzuwerten und politisch zu diskreditieren und dem gegenüber die Leistungen der eigenen Geheimdienste aufzuwerten.

Hieß es noch in der Anklageschrift gegen Markus Wolf, dass der DDR kein Recht auf Selbstverteidigung zustand, da von der BRD keine Gefahr für die DDR ausging, insbesondere auch nicht durch die Aufklärungstätigkeit des BND, so zählte der wissenschaftliche Mitarbeiter des Instituts für Friedensforschung und Sicherheitspolitik der Universität Hamburg, Dr. Arnim Wagner, auf, mit welcher unglaublichen Zahl von Spionen der BND in der DDR gearbeitet habe. Seiner Aussage nach wurden nahezu alle militärischen Objekte vor allem der Sowjetarmee, aber auch der NVA lückenlos überwacht! Da konnte sich dann Dr. Gabriele Gast, die selbst über siebzehn Jahre in verantwortlicher Position im BND gearbeitet hatte, Widerspruch nicht verkneifen. Sie hatte selbst erfahren, wie die Mitarbeiter solche Informationen vor allem über Rüstungsmaterial auch der sowjetischen Streitkräfte schlicht als „Erbsenzählerei“ bewerteten, da hier die wesentliche Komponente der politischen und militärischen Absichten und Ziele fehlten .

Dr. Wagner war es auch, der ausdrücklich zwischen „guten“ und „bösen“ Geheimdiensten zu unterscheiden wissen wollte. Auf eine direkte Nachfrage bestritt er das zwar, betonte aber danach, dass er schon „ethisch-moralische“ Unterschiede zwischen westlichen und östlichen Geheimdiensten sähe. Was sagt er eigentlich heute dazu, nach den nicht abreißenden Enthüllungen über die Arbeit der Geheimdienste der USA und auch Großbritanniens gegen die eigenen Partner?

Was fällt einem noch ein? Ach ja, von Erich Schmidt-Eenboom befragt, ob der BND Zugang zu Informationen aus dem Warschauer Pakt hatte, ähnlich denen von Rainer Rupp aus der NATO, blieb Dr. Wagner eine Antwort schuldig.

Dr. Paul Maddrell aus Großbritannien trug eine sehr nüchterne, reale Bilanz der Spionageaktivitäten der CIA und anderer gegen die Sowjetunion und die DDR vor. Er legte damit auch dar, dass die DDR massiv angegriffen wurde. Allerdings konnte er sich später nicht verkneifen, Rainer Rupp zu fragen, ob nicht gerade seine Informationen dazu führten, dass in den sozialistischen Ländern immer mehr aufgerüstet wurde, so dass sich diese Länder schließlich „totrüsteten“, also seine Nachrichtenarbeit damit kontraproduktiv war. Rainer Rupp sagte dazu nur: „Das ist eine so abwegige Frage, darauf antworte ich nicht.“ Treffender konnte man wohl auf so etwas nicht reagieren.

Aufgefallen war auch, dass einige Referenten immer versuchten zu unterstellen, dass die meisten Quellen der HV A „für Geld“ gearbeitet hätten. So auch in der Diskussion über die Arbeit auf dem Gebiet Wissenschaft und Technik. Wieder meldete sich Dr. Wagner mit der Behauptung, laut Aussage der Birthler-Behörde seien 90 % der Quellen der HV A auf materieller Grundlage geworben worden. Noch bevor der Referent Manfred Süß, letzter Leiter des Sektors Wissenschaft und Technik, darauf eingehen konnte, meldete sich hier Frau Dr. Macrakis , Wissenschaftlerin aus den USA, zu Wort, die auch dazu umfangreich recherchiert hatte und wies diese Aussage als unzutreffend zurück. Ihre Ergebnisse belegten, dass mindestens 50 % der Quellen ideologisch motiviert waren. Manfred Süß konnte bestätigen, dass der größte Teil unserer Quellen auf einer solchen Basis mit uns zusammenarbeitete. Darüber hinaus: Feinde des Sozialismus hätten uns auch nicht für Geld Informationen gegeben.

Dieses Phänomen ist offensichtlich für Vertreter eines kapitalistischen Systems schwer verständlich. Man erinnere sich: Als der amerikanische General Charles Willoughby 1945 nach der Besetzung Japans die Niederschriften Dr. Sorges und die Prozessunterlagen in die Hand bekam staunte er ein über das andere mal darüber, dass diese Kundschaftergruppe völlig ohne größere Geldzuwendungen gearbeitet hatte, und das trotz der ständig über ihr schwebenden Todesgefahr! Vielleicht passend daran zu erinnern, da auch der Hinrichtung Dr. Richard Sorges am 7. November 1944 in diesen Tagen gedacht wurde.

Auf dieser Konferenz wurde also wieder sichtbar, wer zu einer sachlichen Analyse der Vergangenheit bereit war und wer nicht. Die Geschichte kann man nur auf der Grundlage von Tatsachen und Fakten analysieren und bewerten – das war auch das Hauptanliegen. Diese Konferenz wird immer im Gedächtnis bleiben als ein gelungener Versuch, Vergangenes sachlich – unter Einbeziehung der Zeitzeugen – zu diskutieren. So etwas sollte man fortsetzen.

Berlin, am 17. November 2013

Günter Ebert