Patriot-System versagt in Saudi-Arabien und reduziert damit Kriegsgefahr in Korea

Jüngste Ereignisse haben gezeigt, dass auf das mythenumrankte Rückgrat der mobilen US-Raketenabwehr gegen ballistische Raketenangriffe, das Patriot-System, kein Verlass ist. Das reduziert die Wahrscheinlichkeit eines US-Angriffskrieges gegen Nordkorea.

von Rainer Rupp

Der tolle Ruf der Unüberwindbarkeit des Patriot-Luftabwehrsystems der USA wurzelt in einem modernen Märchen ganz nach dem Geschmack seiner US-amerikanischen Erzähler. Die sorgsam gepflegte Legende, die exakt auf den 18. Januar 1991 zurückgeht, hat sich in den letzten 27 Jahren zu einem gigantischen Verkaufsförderungsinstrument für die US-Rüstungsindustrie entwickelt. Der Grund dafür ist, dass sich die US-Patriot-Raketenabwehr-Rakete in dem in der Geschichte ersten und bisher einzigen realen Krieg mit ballistischen Raketenangriffen angeblich rundum bewährt hat.
Patriot ist ein multifunktionales Waffensystem, das nicht nur gegen mehrere, niedrig und/oder hochfliegende Flugzeuge gleichzeitig eingesetzt werden kann, sondern auch gegen ballistische Raketenangriffe. Dass es vor allem auch im letztgenannten Bereich funktioniert, und das mit einer außergewöhnlichen Zuverlässigkeit, hatte das System demnach zum ersten Mal am 18. Januar 1991 der ganzen Welt bewiesen. Damals habe man mittels der Patriot-Raketen die vom Irak gegen Israel abgefeuerten, ballistischen Scud-Raketen über Tel Aviv und Haifa in sicherer Höhe abfangen und treffsicher zerstören können. So kann man es noch heute in allen Medien lesen. Auch im letzten Monat machte die Patriot erneut von sich reden, als sie eine von Huthi-Rebellen im Jemen gegen den Flughafen der saudischen Hauptstadt Riad abgeschossene Scud-Variante rechtzeitig abgefangen und zerstört haben soll.

New York Times überbringt die unangenehme Botschaft

Sowohl die Saudis in Riad als auch das Pentagon in Washington waren anschließend voll des Lobes für das vortreffliche US-Luftabwehrsystem. Auch Präsident Trump ging seiner Lieblingsbeschäftigung nach und prahlte: „So gut sind wir. Niemand schafft, was wir können, und jetzt verkaufen wir es in die ganze Welt.“ Das tut die US-Rüstungsindustrie bereits seit fast einem Vierteljahrhundert. Im Verein mit den Militärplanern des Pentagon haben die USA das Patriot-System an so gut wie alle verbündeten Vasallen verkauft. So hängt z. B. die mobile Luftabwehr Japans von Patriot ab, ebenso wie die der US-Streitkräfte und Basen in Asien.
Ob es der erbitterten Gegnerschaft zu Trump geschuldet ist oder was auch immer: In den letzten Tagen hat die New York Times in einem Anflug von früherer Größe als kritische, investigative Zeitung einen Bericht gebracht, in dem ein Team von US-Raketenexperten auf Grund des vorhandenen Beweismaterials zum Schluss gekommen ist, dass der Sprengkopf der Huthi-Scud-Rakete ungehindert über saudische Verteidigungsanlagen hinweg sein Ziel, den Flughafen von Riad, so gut wie erreicht hatte. Lediglich der Ungenauigkeit alter Scud-Raketen sei es zu verdanken, dass kein Terminal direkt getroffen wurde. Merke: Die Scud war ursprünglich für taktische Nuklearwaffen konzipiert worden, bezüglich derer eine Treffsicherheit von einigen hundert Metern ausreichte. Tatsächlich sei in Riad der Sprengkopf so nahe am Inlandsterminal explodiert, dass „die Fluggäste aus ihren Sitzen gesprungen“ seien.
Einige US-Beamte bezweifeln, dass die Saudis irgendeinen Teil der ankommenden Rakete getroffen haben und sagen, dafür gebe es keine Beweise“, so die New York Times wörtlich.

Irakische Scuds auf Israel brachen nach Flickschusterei selbst auseinander

Aktuell dürfte diese Neuigkeit vor allem in Rumänien für Kopfzerbrechen sorgen. Das Parlament des bettelarmen Landes hat nämlich – nicht ganz ohne netten Druck aus Washington – erst jüngst den Kauf von Patriot-Raketen aus den USA genehmigt. Und wenn man in Bukarest etwas tiefer recherchiert, wird man auch herausbekommen, dass die triumphierenden Berichte über den erfolgreichen Abschuss der irakischen Scuds über Haifa und Tel Aviv einst frei erfundene Propaganda für die US-Rüstungsindustrie waren.
Während dieser irakischen Raketenangriffe gegen Israel im Januar 1991 war der Autor dieser Zeilen noch Mitarbeiter der Politischen Abteilung des NATO-Hauptquartiers in Brüssel. In dieser Funktion war er auch auf rotierender Basis Vorsitzender der Current-Intelligence-Gruppe im Lagezentrum der NATO, wo die wichtigsten aktuellen – militärischen und politischen – nachrichtendienstlichen Aufklärungsergebnisse analysiert und zusammengefasst wurden. Schnell wurde schon damals auf Grund der Nachrichtenlage klar, dass die irakischen Scuds, deren Trümmer über Israel wirkungslos zu Boden fielen, nicht von Patriot-Raketen erfasst und abgeschossen worden waren, sondern auf Grund einer irakischen Änderung an der Konstruktion der Rakete beim Wiedereintritt in die Atmosphäre auseinandergebrochen waren.
Um die Distanz vom Irak nach Israel zu überwinden, hatten die Iraker ihren von der Sowjetunion gekauften Scuds eine weitere Brennstufe hinzugefügt. Dadurch wurde zwar die Reichweite der Rakete erhöht, aber was man in Bagdad damals offensichtlich nicht hinreichend bedacht hatte, war die Tatsache, dass durch diesen Umbau auch der Schwerpunkt und das Gleichgewicht der Rakete verändert wurden. Dadurch geriet diese beim Wiedereintritt in dichtere Luftschichten ins Trudeln und barst auseinander.

Ereignisse von Riad unterstreichen Schwachstellen der Patriots

Diese Informationen drangen natürlich nicht nach draußen. Das Pentagon im Verein mit der US-Rüstungsindustrie sang stattdessen das Hohe Lied vom unfehlbaren Patriot-System. Es dauerte etwa zweieinhalb Jahre, bis der Experte für investigative Recherchen, Tim Weiner, den Patriot-Mythos am 28. November 1993 in der New York Times entlarvte. Anlass war eine Entwicklung in Israel. Weiner schrieb damals: „Moshe Arens, der Israels Verteidigungsminister während des Golfkriegs (1991) war; General Dan Shomron, der während des Krieges Stabschef der israelischen Verteidigungsstreitkräfte war, und Haim Asa, ein Mitglied eines israelischen technischen Teams, das während des Krieges mit der Patriot-Rakete arbeitete – sie alle sagen, dass vielleicht eine einzige, aber möglicherweise überhaupt keine der irakischen Scuds von den Patriot-Raketen abgefangen worden ist“. Wie nicht anders zu erwarten, wurde die Sache von US-Politikern und den anderen Medien so gut wie nicht aufgegriffen. Stattdessen pflegte man den Patriot-Mythos weiter, der sich in weiterer Folge mit den Jahren verfestigen sollte.
Der jüngste Vorfall mit der verfehlten Scud-Abwehr in Saudi-Arabien lässt darauf schließen, dass die Probleme der Patriots bis heute nicht gelöst sind. Damit wäre das so hoch gepriesene System jedoch keine zuverlässige Waffe, was sich – hinter den Kulissen – vor allem auf die aktuelle Krise in Fernost auswirken dürfte. Japan, Südkorea, die US-Basen in diesen beiden Ländern und auch auf der Pazifik-Insel Guam liegen alle innerhalb der Reichweite der nordkoreanischen Atomraketen, wie Pjöngjang jüngst durch Tests nachgewiesen hatte. Angesichts der Tatsache, dass sie alle zu ihrem Schutz auf das Patriot-System setzen, dürfte ihnen allen auf Grund der Berichte über die Unzuverlässigkeit desselben die Lust vergangen sein, einen Konflikt mit Nordkorea zu provozieren oder gar einen US-Angriffskrieg gegen den Norden zu unterstützen. Denn der würde mit hoher Wahrscheinlichkeit mit einem nuklearen Gegenschlag beantwortet.

Erschienen bei RT Deutsch am 09.12.2017