Der mächtige Bogen des ZDF

..bei anderen gelesen:

von Markus Kompa

35 Jahre nach ABLE ARCHER 83 bietet das öffentlich-rechtliche Fernsehen noch immer Desinformation

Im Herbst 1983, als Reagan die Abrüstung für tot und eine Co-Existenz mit dem „Reich des Bösen“ für ausgeschlossen erklärte, war der Kalte Krieg so heiß wie nie zuvor. Das Herbstmanöver und insbesondere die Operation Able Archer 83 erschienen dem Kreml als getarnte Vorbereitung eines nuklearen Überraschungsschlags. Berühmtester Zwischenfall war jene Nacht am vermutlich 26. September 1983, als ein Fehlalarm beinahe den Dritten Weltkrieg auslöste (Stanislaw Petrow und das Geheimnis des roten Knopfs).

Die westlichen und insbesondere die deutschen Historiker taten sich schwer mit der historischen Einordnung des Dramas und ignorierten das Thema lange einfach. Tragisch verlief vor allem die Wahrnehmung des ZDF, das im Kalten Krieg die ganze Welt im Sinne der NATO deutete und dem geneigten Publikum die Geschichte bemerkenswert subjektiv erzählt.

Die wohl jüngste Produktion ist Geheime Fronten. Schattenkrieg zwischen Ost und West (2017). Darin beschreibt das ZDF das NATO-Szenario unkritisch so: „Nach Giftgasangriffen des Gegners antwortet die Nato nuklear.“
Für das ZDF sind also die Staaten des Warschauer Pakts plausible Aggressoren – und nicht etwa General LeMay und seine Kollegen, die jahrzehntelang offen für einen nuklearen Erstschlag plädierten (Overkill – USA geben Geheimdokumente zur Nuklearstrategie von 1964 frei). Man erspart dem Publikum auch Irritation durch die Rhetorik des verantwortungslosen US-Präsidenten Reagan, der mit SDI und Kriegsrhetorik das Drama von 1983 provoziert hatte (Der Krieg der Sterne – Der NATO-Spion – Teil 1).

„Es gibt Anzeichen, dass Moskau Able Archer als Auftakt eines echten Atomschlags missversteht.“
Was will uns das ZDF damit sagen? Damals jedenfalls sahen westliche Geheimdienste solche „Anzeichen“ nicht. Der heutige Forschungsstand geht demgegenüber weit über bloße „Anzeichen“ hinaus. Für die damaligen KGB-Chefs und Mitglieder des Politbüros war eine solche Befürchtung sogar subjektive Gewissheit, die sie teilweise sogar zeitlebens beibehielten. Die damalige sowjetischen Kriegsangst führte mit der Operation RyAN zum größten Unternehmen in der Geschichte des KGB – die den Superspionen im Westen nahezu komplett verborgen blieb.

„Dann berichtet ein Doppelagent von Eilmeldungen in Moskau. NATO-Basen seien in Alarmbereitschaft. Der Westen erkennt das Missverständnis – und reagiert. Der Agent, der die NATO warnt, ist Oleg Gordiewski.“
Das ist Bullshit. Die USA haben inzwischen ihre Archive zu Able Archer geöffnet und den PFIAB-Bericht freigegeben. Da steht nichts dergleichen. Gordiewski hat erst 1984, Monate nach dem Ende von ABLE ARCHER, über die Krise berichtet – und die CIA glaubte es ihm nicht einmal. Stattdessen verdächtigten ihn die Amerikaner, er sei ein Triple-Agent, der den Westen im Rahmen einer Desinformationskampagne zurück an den Verhandlungstisch forcieren sollte. Es ist heute unstreitig, dass niemand im Pentagon oder Weißen Haus auch nur die leiseste Ahnung davon hatte, was sich gerade zusammenbraute.

Der einzige NATO-Mann, der im Brüsseler Hauptquartier von der Nervosität der Russen wusste, war der Doppelagent Rainer Rupp, der sich nach Kräften bemühte, dem Osten Entwarnung zu geben (Das nukleare Gleichgewicht – Der NATO-Spion -Teil 2).

„Die NATO nahm Gordiewskis Botschaft ernst und bricht die ABLE ARCHER in Teilen ab.“
Das ist ein Märchen. Und wie das in einer Propaganda-Blase ist, kann man das Märchen natürlich auch in der deutschsprachigen Wikipedia lesen – nicht aber im 2015 freigegebenen PFIAB-Bericht. Dokumente, die auf einen solchen „Abbruch“ hindeuten, sind hier nicht bekannt. Als „Experten“ bemüht man Prof. Krieger, dessen Nähe zu den westlichen Geheimdiensten kaum noch parodiert werden kann.

„Es ist die Zeit, als in der Bundeswehr die Debatte um die sogenannte Nachrüstung läuft. Als Reaktion auf sowjetische SS 20. Die NATO stationiert Pershing II-Raketen.“
Für das ZDF ist die SS 20 die Provokation – und nicht etwa die Reaktion auf die atomare Aufrüstung, die jahrzehntelang von den USA ausging und vom Pentagon jedenfalls noch Anfang der 1960er Jahre mit dem Ziel eines nuklearen Erstschlags betrieben wurde (Der General mit dem Knall – Die geheimen Pläne des Lyman Louis Lemnitzer.)
Das ZDF unterschlägt die nicht ganz unwesentliche Tatsache, dass die Pershing II die Reaktionszeit auf wenige Minuten verkürzte. Hatte Stanislaw Petrow für die Beurteilung der Falschmeldung eines Angriffs mit ballistischen Interkontinentalraketen noch 20 Minuten zur Verfügung gehabt, hätte er 1984 bei einem ähnlichen Vorfall reflexhaft geplante Befehle befolgen müssen. Man hätte die Raketen gestartet, bevor sie vom gewähnten Angriff vernichtet worden wären.

Als Reagan im Frühjahr 1984 erstmals von der sowjetischen Kriegsangst erfuhr, drängte ihn die „eiserne Lady“ Margaret Thatcher, diese Erkenntnisse vor den NATO-Partnern insbesondere in Deutschland zu verbergen, weil dies den NATO-Doppelbeschluss gefährden könnte (Der letzte Tag – Staatsgeheimnisse und Rätsel um ABLEARCHER 83.)
Die Lüge, mit der das Versagen der CIA zu einer Sternstunde umgedeutet werden soll, tischte das ZDF bereits 2013 in der ansonsten sehr gelungenen Dokumentation Welt am Abgrund auf und beruft sich dabei treudoof auf den Sicherheitsberater des Präsidenten Robert McFarlane – jenen notorische Lügner, der im Iran-Contra-Skandal mal eben den US-Kongress belog. Wer beim ZDF nach brauchbaren politischen Informationen sucht, wird bei den dortigen Satirikern nach wie vor besser bedient.

Erschienen bei TELEPOLIS am 26.09.2018

Nachtrag der Artikel aus dem Jahr 2011 (zu Rainer Rupp):

Der NATO-Spion – Teil 1
Der Krieg der Sterne
08. September 2011 Markus Kompa
In der Reagan-Ära kam die Welt dem Atomkrieg mindestens so nahe wie in der Kuba-Krise. Erst in den letzten Jahren zeichnete sich ab, was sich tatsächlich insbesondere im Herbst 1983 hinter den Kulissen abspielte, als die Strategen im Osten einen unmittelbar drohenden Erstschlag für eine Frage von Tagen hielten. Die damals dem Westen verborgene Nervosität der Sowjets, die sich auf das Signal zum Gegenschlag einstellten, vermochten Agenten im Westen zu kühlen. Entscheidende Bedeutung hatten die umfangreichen NATO-Leaks des deutschen Agenten TOPAS.
Hier weiterlesen: https://www.heise.de/tp/features/Der-Krieg-der-Sterne-3391066.html

Der NATO-Spion – Teil 2
Das nukleare Gleichgewicht
10. September 2011 Markus Kompa
Wäre es im Kalten Krieg zu einem militärischen Schlagabtausch zwischen der NATO und den Staaten des Warschauer Pakts gekommen, so hätte dieser unweigerlich in einen Nuklearkrieg gemündet. So sieht es u.a. Rainer Rupp, der während der 80er Jahre aufgrund seiner Position im NATO-Hauptquartier in Brüssel die Planung des Dritten Weltkriegs genau kannte. Gleich, ob man die Strategie der Massive Retaliation, die Mutually Assured Destruction (MAD) gefahren hätte, oder die begrenzte Strategie der Flexible Response, Mitteleuropa wäre in jedem Falle nuklear vernichtet oder zumindest verseucht worden.
Hier weiterlesen: https://www.heise.de/tp/features/Das-nukleare-Gleichgewicht-3391068.html

Der NATO-Spion – Teil 3
War Games
17. September 2011 Markus Kompa
Bei Rupps Jahrestreffen mit seinen Führungsoffizieren der HV A hatten diese ihm bereits die großen Sorgen der sowjetischen Genossen in Verbindung mit RYAN ans Herz gelegt. Aber nichts in seinem Umfeld hatte auf die unmittelbare Vorbereitung eines NATO-Erstschlages hingedeutet, was er anhand der gesicherten Dokumente dokumentarisch zu untermauern versuchte. Im Herbst 1983 rückte nun die jährliche NATO-Übung „Able Archer“ näher. Über seinen Kurier wurde ihm die Dringlichkeit der sowjetischen Befürchtungen nochmals nachdrücklich verdeutlicht. Auf einer Historiker-Konferenz in Odense1 referierte Rupp 2007 seine Eindrücke, auf denen die nachfolgende Darstellung mit freundlicher Genehmigung des Autors basiert.
Hier weiterlesen: https://www.heise.de/tp/features/War-Games-3391070.html