Kein Einheitsmärchen

Politische Klarheit und Konsequenz: Klaus Eichner hat ein Buch über die DDR-Kundschafterin Gabriele Gast herausgegeben

Von Arnold Schölzel

Gabriele Gast war von 1973 bis zur Verhaftung 1990 im Hauptquartier des Bundesnachrichtendienstes (BND) im bayerischen Pullach, zuletzt im Rang einer Regierungsdirektorin, und zugleich für die Hauptverwaltung Aufklärung des DDR-Ministeriums für Staatssicherheit (HV A), des Auslandsnachrichtendienstes des ostdeutschen Staates, tätig. Im Vorwort von Klaus Eichners Buch »Agentin in der BND-Zentrale Gabriele Gast im westdeutschen Spionagezentrum« schreibt der letzte Chef der HV A, Werner Großmann, über sie: »Mit ihrem herausragenden Intellekt und ihrer konsequent kritischen Position bestimmte sie immer wieder das Profil und die Inhalte der Zusammenarbeit der DDR-Auslandsaufklärung mit der Quelle ›Gisela‹ mit.«

Konsequenz in der politischen Haltung, das lässt sich nach Lektüre des Buches sagen, ist für sie bis heute charakteristisch. Der Titel ihrer 1999 erschienenen Erinnerungen »Kundschafterin des Friedens. 17 Jahre Topspionin der DDR beim BND« besagt das. Der nun vorliegende Band liefert genauere Aufschlüsse über ihr Denken, Gründe für ihre Urteile über Ereignisse und Personen, etwa für den Bruch mit Markus Wolf, den langjährigen Leiter der HV A. Sie habe es als Dolchstöße empfunden, wie er gegenüber der bundesdeutschen Justiz »liebedienerte« und sich selbst zum politischen Oppositionellen in der DDR stilisierte, der die Kundschafter faktisch zu »Narren« erklärte. Die Selbstzeugnisse, Briefe und Vortragspassagen, die Klaus Eichner, selbst als Experte für westliche Geheimdienste viele Jahre in der HV A tätig, zumeist mit knappen Kommentierungen und Überleitungen versehen hat, zeigen eine Intellektuelle, die sich nie ein X für ein U vormachen ließ. Wer die Welt sieht, wie sie ist, und die Fähigkeit hat zu sagen, was ist, steht selten für Krieg und Unterdrückung ein, sondern bekämpft sie zumeist. Das trifft auf Gabriele Gast zu.

Um so schlimmer, was ihr von Gefährten widerfuhr. Es gab Verrat bereits im Januar 1990 und erbärmliches Verhalten des Freundes, Geliebten und Partners aus den Reihen der DDR-Aufklärung im Prozess gegen sie 1991.

Klaus Eichner hat die sechs Kapitel des Buches mit einem Prolog (»Der BND im Visier der Spionageabwehr der DDR«) und einem Epilog versehen, in dem die Tätigkeit der Initiative »Kundschafter des Friedens fordern Recht« und der sie unterstützenden Gesellschaft zur rechtlichen und humanitären Unterstützung (GRH e. V.) skizziert werden. In einem Anhang sind außerdem  u. a. Beiträge aus jW, Neues Deutschland und dem Buch Eichners zur NSA (»Imperium ohne Rätsel. Was bereits die DDR-Aufklärung über die NSA wusste«, 2014) nachzulesen.

Ein zentraler Gegenstand des Bandes ist der juristische Umgang mit den enttarnten DDR-Kundschaftern nach 1990. Selten hat sich der sogenannte bundesdeutsche Rechtsstaat als Instrument politischer Rachsucht bloßgestellt wie in diesen Verfahren, deren Grundsatz die rechtliche Ungleichbehandlung von gleichen Delikten in Ost und West war. Eine von CDU/CSU und FDP vorgesehene allgemeine Amnestie hatte 1990 die SPD mit ihrer Bundesratsmehrheit verhindert. Nicht viel besser war, was die PDS-Bundestagsgruppe fünf Jahre später vorlegte. Gabriele Gast nahm auf einer Zusammenkunft von Kundschaftern und PDS-Abgeordneten am 25. März 1995 kein Blatt vor den Mund. Sie sei entsetzt über die »Gedankenverwirrung«, mit der Kundschafter und generell staatliches Handeln der DDR straffrei gestellt werden sollten: »Sie befinden sich nämlich damit genau in jenem Fahrwasser, in das der deutsche Rechtskonservatismus während der ganzen Nachkriegszeit die sozialistische Idee zu bugsieren suchte: in dem des Unrechts. (…) Sind Sie sich darüber im klaren, dass sie mit einer solchen Diktion implizit die Behauptung Bonns anerkennen, die DDR sei von A bis Z ein Unrechtsstaat gewesen?« 2015 lässt sich mit Blick auf den Thüringer Koalitionsvertrag von Linkspartei, SPD und Grünen sagen: Klar, diese Leute sind sich darüber im klaren.

Die Willkürjustiz bedeutete für Gabriele Gast eine Verurteilung zu sechs Jahren und neun Monaten, 15 Monate davon Isolationshaft, also Folter.

1995 geißelte die Kundschafterin aber nicht nur den »opportunistischen Zweck, der bei der Ausarbeitung dieses Gesetzentwurfs Pate stand«, sondern gleich noch eine andere juristische Sottise, über die in der Bundesrepublik seit 25 Jahren Schweigen herrscht: »Ist es rechtens, die KGB-Agenten in der Ex-DDR unbehelligt zu lassen, nur weil die Lubjanka zum Partnerdienst des BND mutierte? Oder soll man etwa an ein weiteres Vereinigungsmärchen glauben, wonach das KGB in der DDR nur auf offiziellem Parkett präsent gewesen sei oder gar bei seinem Rückzug nach Moskau seine Quellen im früheren ›Bruderstaat‹ den neuen Freunden in Pullach überlassen hat?«

Das Buch ist eine Dokument politischer Klarheit und Konsequenz, wie es selten geworden ist. Gabriele Gasts Kampf um eine Rehabilitierung jener, die sich geheimdienstlich für die DDR engagierten, ist vor allem ein Eintreten für das, wofür dieser Staat einst entstand und lange Zeit stand. Die Gründe für eine Alternative sind heute mehr denn je gegeben, in ihren Worten: »Nichts bleibt, wie es ist.«

Klaus Eichner: Agentin in der BND-Zentrale. Gabriele Gast im westdeutschen Spionagezentrum. Edition Ost, Berlin 2015, 253 Seiten, 14,99 Euro

Am morgigen Dienstag, dem 29. September, stellen Gabriele Gast und Klaus Eichner das Buch um 19 Uhr in der jW-Ladengalerie (Torstr. 6., 10119 Berlin) vor.

Aus der Tageszeitung „junge Welt“ vom 28.09.2015