Krieg gegen den Iran? – Ein Déjà-vu (Teil I)

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Um die aktuelle Lage im Persischen Golf und die Gefahr eines womöglich unmittelbar bevorstehenden US-Angriffskrieges gegen den Iran besser einzuschätzen, lohnt sich ein Blick in die Vergangenheit. Anfang 2007 deuteten schon einmal alles auf einen US-Angriff hin. Wie kam es so weit?

von Rainer Rupp

„US-Strategien im arabisch-persischen Raum“ lautete der Titel eines Vortrags, den der Autor dieser Zeilen am 24. Februar 2007 anlässlich eines Seminars über die „Situation im Nahen und Mittleren Osten“ in Berlin gehalten hat. Anhand der nachfolgend wiedergegebenen, aber gekürzten Analyse von damals lässt sich leicht erkennen, dass die angeblichen Motive für die damaligen Angriffsvorbereitungen gegen den Iran mit den heutigen Gründen weitgehend identisch sind.

Zum besseren Verständnis der heutigen Lage in der Golfregion hilft ein kurzer Rückblick. Ausschlaggebend für die Entwicklung in diesem Raum war die US-Deklaration Anfang der 1950er-Jahre, dass die Region um den Persischen Golf „von vitalem Interesse“ für die Sicherheit der Vereinigten Staaten ist. Dies ist die höchst mögliche Sicherheitseinstufung und das bedeutete, dass Washington seither – egal unter welcher Regierung – bereit war, sowohl mit sogenannten „verdeckten Operationen“ als auch mit offener militärischer Gewaltanwendung die US-Kontrolle über diese Region zu „verteidigen“.

Mit dem Sturz des demokratisch gewählten iranischen Ministerpräsidenten Mohammed Mossadegh und der anschließenden Einsetzung des US-hörigen, tyrannischen Folterregimes des Schahs von Persien haben die USA 1953 mit großer Brutalität ihren Anspruch auf die Beherrschung der Region unterstrichen.

Auch die massive Unterstützung der USA für Saddam Husseins sechs Jahre langen mörderischen Krieg gegen den Iran gehörte zu der „Teile und Herrsche“-Strategie der USA, um sich die Kontrolle über die Golfregion zu sichern. Der Krieg, der 1988 mit Millionen Toten endete, vor allem auf iranischer Seite, hat sich tief ins kollektive Gedächtnis der Iraner eingebrannt.

Die USA werden bis heute nicht nur als die Schurken gesehen, die Mossadegh gestürzt und die Geheimpolizei des Schahs ausgebildet und geführt hatten, sondern die auch den verbrecherischen Angriffskrieg des Irak gegen ihr Land unterstützt hatten. Dabei hatte Washington Saddam Hussein nicht nur mit konventionellen Waffen Beihilfe geleistet. Der Irak hatte damals auch massenweise chemische Waffen gegen den Iran eingesetzt.

Die Komponenten zur Herstellung dieser Massenvernichtungswaffen und die nötigen Apparaturen zum Abfüllen des tödlichen Giftgases kamen aus den USA, was aus 1993 veröffentlichten Dokumenten des US-Kongresses hervorgeht.

Nach dem irakisch-iranischen Waffenstillstand 1988 ging das US-Techtelmechtel mit Saddam Hussein bald in die Brüche. Für Washingtons Geschmack zeigte sich Saddam viel zu unabhängig. Er ließ sich von den Amerikanern weder wirtschaftlich noch politisch vereinnahmen. Weder wollte er von einer Privatisierung und Beteiligung ausländischer Energiekonzerne am irakischen Ölreichtum etwas wissen, noch war er daran interessiert, im Nahen Osten weiter die US-Politik zu vertreten. Stattdessen versuchte er zunehmend, die Rolle der dominanten Regionalmacht zu spielen, womit er zwangsläufig die US-Pläne für die Region zu durchkreuzen drohte.

Zu Beginn des 21. Jahrhunderts hat Washington seinen Anspruch über den Persischen Golf hinaus auf die ganze Region erweitert, die nun als „Größerer Mittlerer Osten“ bezeichnet wurde. Dessen Grenzen wurden zwar bequemerweise nie genau definiert, aber bereits 1998 hatte unter dem damaligen demokratischen Präsidenten Bill Clinton der Direktor für „Sonderoperationen und Konflikte unterhalb der Kriegsschwelle“ im Pentagon, David Tucker, die US-Ziele im „Größeren Mittleren Osten“ wie folgt abgesteckt:

Das Gebiet vom Persischen Golf nördlich bis zum Kaspischen Meer und östlich bis nach Zentralasien. Dies ist eine sehr bedeutende Region, ungefähr von der Größe der USA, die etwa 75 Prozent der Weltölreserven und 33 Prozent der Erdgasreserven beherbergt.

Ganz zu schweigen von den vielen anderen wichtigen und kostbaren Rohstoffen. Die Kontrolle dieser Ressourcen war von Anfang an auch für die neokonservative Bush-Administration von besonderer strategischer Bedeutung. Ihr erklärtes Ziel war es, aus dem 21. Jahrhundert „ein amerikanisches Jahrhundert“ zu machen, und die Kontrolle über diese Region sollte dabei helfen, entweder indem man die Ressourcen dieser Region selbst verwendete oder indem man potenziellen Feinden den Zugriff darauf verwehrte.

Der bis heute immer noch nicht vollkommen aufgeklärte Terrorakt vom 11. September 2001 lieferte den US-Imperialisten die lange gesuchte Rechtfertigung, ihren Griff auf den „Größeren Mittleren Osten“ mit militärischen Mitteln als „Kampf gegen den Terror“ zu tarnen.

Dass nach Afghanistan der Irak im Frühjahr 2003 als nächstes Land von der US-Soldateska überfallen wurde, hat weniger mit der US-Außenpolitik als mit der zionistischen Lobby im Washingtoner Politestablishment zu tun. Denn in der Zwischenzeit hatte sich der Irak Saddam Husseins als unerbittlicher Feind der zionistischen Expansions- und Besatzungspolitik in Palästina und im Libanon erwiesen. Da Saddam vor allem die Palästinenser mit Geld und Waffen unterstützte, manövrierte er sich schnell auf den ersten Platz der US-Abschussliste.

Aber der Irakkrieg stellte sich als vollkommene Fehleinschätzung der US-Kriegsplaner heraus und wurde für die USA ein militärisches, wirtschaftliches und politisches Desaster. Laut ursprünglichem US-Invasionsplan sollten Ende 2006 nur noch 5.000 US-Soldaten im Land stehen. Sie sollten keine Besatzer mehr sei, denn eine US-freundliche Marionetten-Regierung in Bagdad, die dem Iran feindlich gegenübersteht, sollte zu der Zeit schon alle US-Vorgaben auf wirtschaftlicher und politischer Ebene fleißig umsetzen. Die verbliebenen 5.000 US-Soldaten sollten lediglich die neuen US-Militärbasen im Land betreiben.

Aber wegen des resoluten Widerstandes gegen die US-Besatzung kam es ganz anders, was die USA bereits 2007 beinahe zu einem Krieg gegen den Iran verleitet hätte. In den ersten Jahren der Besatzung versuchten über 100.000 US-Soldaten im sogenannten „sunnitischen Dreieck“, wo etwa vier Millionen einstige Saddam-Anhänger lebten, den Widerstand rücksichtslos zu unterdrücken.

Nachdem sich die Lage dort beruhigt hatte, nahmen in den schiitischen Zentren der irakischen Großstädte, vor allem in Bagdad und Basra, pro-iranische, schiitische Milizen den bewaffneten Kampf gegen die US-Besatzer auf. Sie erhielten vom Iran verdeckte militärische und finanzielle Hilfe und wurden zu einem großen Problem für die US-Streitkräfte. Das führte 2006 dazu, dass Washington die iranische Regierung für den hundertfachen Tod von US-Soldaten verantwortlich machte, die Opfer des schiitischen Widerstandes geworden waren.

Zugleich war den Herren in Washington das ganze Ausmaß ihres Fehlers im Irak deutlich geworden. Denn durch den US-Angriff auf den Irak wurde der Iran nicht geschwächt, sondern ist daraus als eindeutiger geostrategischer Sieger hervorgegangen, mit weitreichenden Folgen für die US-israelischen Pläne gegen Syrien und den Libanon. Das hätte 2007 fast zu einem US-Krieg gegen den Iran geführt.

Wie sehr es damals es auf der Kippe stand, dass die USA mit einem Krieg gegen den Iran einen weiteren schweren Fehler in der Region gemacht hätten, hatte damals ein Mann aus dem innersten Kreis des US-Establishments bei seiner Anhörung vor dem Außenpolitischen Ausschuss des US-Senats deutlich gemacht.

Am 1. Februar 2007 sagte Zbigniew Brzeziński unter anderem, dass die Gefahr desto größer würde, dass am Ende dieser abschüssigen Ebene ein direkter Konflikt mit dem Iran und dem Großteil der islamischen Welt steht, je länger die USA den blutigen Krieg im Irak fortführen. Weiter sagte Brzeziński:

Ein plausibles Szenario für einen militärischen Zusammenstoß mit dem Iran ist vorstellbar, wenn im Irak (im Rahmen der Eskalation) keine Fortschritte gemacht werden und dann der Iran dafür verantwortlich gemacht wird. Dann – entweder durch eine Provokation im Irak oder durch einen terroristischen Akt in den USA – wird der Iran verantwortlich gemacht, und die Entwicklung wird in einer ‚defensiven‘ US-Militäraktion gegen den Iran ihren Höhepunkt erleben.

Weiter warnte der Altmeister der geostrategischen US-Schachspiele den US-Senatsausschuss, dass die Bush-Administration mithilfe einer Operation unter falscher Flagge die Voraussetzungen für einen Angriff gegen den Iran schaffen wolle. Er schloss mit dem Satz: „Das wird Amerika in einen sich ausweitenden und vertiefenden Sumpf ziehen, der sich vom Irak über den Iran bis nach Afghanistan und Pakistan erstreckt.“ Heute könnte man Syrien, den Libanon, den Jemen und die Feudalstaaten am Persischen Golf hinzufügen.

Ähnlich wie heute sprachen auch damals fast alle Indizien für einen unmittelbar bevorstehenden US-Angriff auf den Iran. In den internationalen Medien wurde keine Frage heißer gehandelt. „Im Frühling sind die USA bereit zuzuschlagen“, berichtete der Washingtoner Korrespondent des britischen Guardian Nick Ascot am 2. Februar 2007. Die Kriegsvorbereitungen seien bereits weit fortgeschritten, und der militärische Aufmarsch in der Golfregion erlaube bereits ein Zuschlagen im Frühling.

Vincent Cannistraro, ehemaliger CIA-Direktor für Aufstandsbekämpfung, erklärte in demselben Artikel, dass trotz aller offizieller Dementis von US-Verteidigungsminister Robert Gates die Kriegsplanung im Pentagon weitergehe.

Die Ziele für einen Luftkrieg gegen die iranischen Atomanlagen sind bereits ausgesucht, und die militärischen Mittel, um das durchzuführen, sind bereits in Stellung gebracht. Wir planen den Krieg, und das ist unglaublich gefährlich“, sagte Cannistraro der Zeitung.

Was den Krieg gegen den Iran letztlich verhinderte, war schließlich die Erkenntnis, dass die USA damit mehr zu verlieren als zu gewinnen hatten. Dies gilt heute noch genauso wie vor zwölf Jahren, nur dass die Argumente gegen einen Angriff auf den Iran heute noch stärker sind als zuvor. Mehr dazu in der Fortsetzung.

Erschienen bei RT Deutsch am 27.06.2019