Aus dem Leben unserer Kundschafter: Siegfried Wenzel

Siegfried Wenzel: Vietminh-Kämpfer – Flughafenleiter – Kundschafter 

Duc Viet, Major im Generalstab der Vietnamesischen Volksarmee und Chef der Flugsicherung des halbwegs fertig gestellten Flughafens von Hanoi, bestieg im Winter 1956 einen Eisenbahnzug, welcher ihn nach Deutschland bringen sollte. Duc Viet war blond und hieß, als er noch Obergefreiter der deutschen Luftwaffe war, Siegfried Wenzel.

Dieser Zug, inzwischen der siebte und damit letzte Transport, brachte einstige Angehörige der französischen Légion Étrangére, welche während des Indochinakrieges in Gefangenschaft geraten waren, zurück nach Europa. Konkret in die DDR. Die Rückkehr der »verlorenen Söhne« ging auf langjährige Korrespondenz zurück. Viele der kriegsgefangenen deutschen Fremdenlegionäre hatten sich an Präsident Wilhelm Pieck mit der Bitte gewandt, die DDR möge sich für ihre Freilassung einsetzen. Dies hatte sie getan, und die wechselseitige diplomatische Anerkennung im Vorjahr hatte die Sache befördert.

Erst zwei Jahre zuvor hatte Wenzel Nachricht von seinen Eltern aus Annaberg bekommen und diese von ihm. Bis dahin galt ihr zweiter Sohn als verschollen, was eine Umschreibung dafür war, dass er den Krieg nicht überlebt hatte. Umso glücklicher waren sie zu erfahren, dass er nicht nur den Nazikrieg und die Gefangenschaft bei den Franzosen überstanden hatte, die ihn schließlich in die Fremdenlegion, sodann nach Fernost und am Ende in vietnamesische Kriegsgefangenschaft geführt hatte, sondern dass er auch Aussicht auf eine glückliche Wiederkehr hatte.

Siegfried Wenzel wiederum erfuhr, dass seine damalige Freundin Herta mit ihrem gemeinsamen Sohn dem Dresdner Inferno entkommen war und Peter bei den Großeltern in Annaberg aufwuchs. Bis dahin glaubte er, dass beide im Februar 1945 in Dresden umgekommen waren. Über viele Ecken hatte er erfahren, dass ihr Haus in der Reitbahnstraße ein Trümmerhaufen sei.

Mit diesem – nunmehr überholten – Wissen hatte er in Hanoi eine Familie gegründet. Er hatte Frau und zwei Kinder. Natürlich wollte er sie mit in die DDR nehmen. Aber wie sollte das gehen? Man konnte nicht einfach in einen Zug steigen, denn eine solche Verbindung gab es nicht. Auch der Schiffsverkehr, die Reise etwa an Bord eines Frachtschiffes, war noch nicht in Gang gekommen. Zunächst aber musste er seiner Frau verständlich machen, dass sie ihre Heimat mit ihm verlassen sollte. Und wie sagte er es den vietnamesischen Genossen, denen in der Partei und denen in der Volksarmee, welchen er sich vor Jahren angeschlossen hatte.

Er beriet sich mit einem Freund im Generalstab, Oberstleutnant Erwin Borchers. Dieser riet ihm, einen stichhaltigen Grund für die Rückkehr zu finden und alle begonnenen Arbeiten vollständig zu erledigen, um keine offenen Probleme zu hinterlassen. Mit diesen Argumenten solle er ein Gesuch an das Oberkommando der Volksarmee richten.

Einen wichtigen Grund sah Siegfried in seinem angegriffenen Gesundheitszustand. Er litt an verschiedenen Dschungelkrankheiten, auch an einer fortgeschrittenen Malaria. Er musste medizinisch versorgt werden, was in Vietnam nicht in notwendigem Maße gegeben war. Einen Nachfolger konnte er leicht einarbeiten, der Indochinakrieg war siegreich beendet, seine Kenntnisse und Fertigkeiten wurden nicht mehr gebraucht.

Als der Sekretär der DDR-Botschaft 1955 auf dem Hanoier Flugplatz eintraf, um die Einrichtung der diplomatischen Vertretung vorzubereiten, sprach Wenzel ihn an. Er riet ihm, einen schriftlichen Antrag an den Botschafter zu richten und diesen mit seiner militärischen Führung abzustimmen. Dann machte er ihm klar, dass er nur mit einem Transport freigelassener Fremdenlegionäre und ohne Familie zurückkehren könne. Der Diplomat riet ihm ab, seine Frau und die Kinder mitzunehmen. Sie würden die deutsche Sprache nicht beherrschen, in der DDR gab es keine Asiaten, also wenig Kontaktmöglichkeiten, die inzwischen schulpflichtigen Kinder könnten nicht zur Schule gehen undsoweiter. Und ob sie sich an die kulturellen Unterschiede gewöhnen würden, sei fraglich. Wovon wollten sie leben, wo sollte seine Frau arbeiten? Für soziale Hilfe in solchen Fällen gebe es noch keine Regelungen, und die Wohnungsnot sei zehn Jahre nach dem Krieg noch immer sehr groß. Wenzel hielt dagegen, dass er in den vietnamesischen Streitkräften gedient habe, da werde sich wohl in der NVA für ihn Verwendung finden.

Die erkennbare Abwehr des Landsmannes aus der DDR berührte ihn unangenehm. Dass ihn der Botschafter nicht empfing und an einen Subalternen verwies, stieß ihm sauer auf. Und dass er mit Fremdenlegionären reisen musste, machte ihm bewusst, dass die DDR-Diplomaten in ihm weniger den Major der vietnamesischen Volksarmee und Kommunisten sahen, sondern noch immer den Obergefreiten der deutschen Luftwaffe und französischen Fremdenlegionär.

Auf der wochenlangen Bahnfahrt durch China, die sibirische Weite, durch den europäischen Teil der Sowjetunion und durch Polen hatte Siegfried Wenzel Zeit und Muße, sein Leben vor seinem geistigen Auge vorüberziehen zu lassen.

Am 3. November 1920 war er in Wasseralfingen bei Aalen, auf halber Strecke zwischen Stuttgart und Ingolstadt gelegen, geboren worden. 1934 beendete er die Volksschule in Dittersdorf bei Chemnitz, wo er im Anschluss eine Lehre als Strumpfwirker absolvierte. 1937 kam er nach Dresden, dort ließ er sich zum Verwaltungsangestellten bei der Allgemeinen Ortskrankenkasse ausbilden. Bei Kriegsbeginn im September 1939 wurde er zur Luftwaffe einberufen. Der sechsmonatigen Rekrutenausbildung in Brandenburg an der Havel folgte die Versetzung in ein Luftwaffen-Baubataillon, danach erhielt er eine Flugleiterausbildung in Finsterwalde. In dieser Funktion setzte man ihn auf verschiedenen Fliegerhorsten in Frankreich und in der Sowjetunion ein. Später erhielt er in Helmstedt und Braunschweig eine Fliegerausbildung, er wurde danach als Hilfsfluglehrer und Verbindungsflieger im Reichsgebiet eingesetzt. Im April 1944 kam er nach einem Unfall für sechs Wochen in ein Lazarett in Gütersloh. Im November 1944 erlangte er wieder Flugtauglichkeit, man kommandierte ihn auf die Jagdfliegerschule nach Kaufbeuren. Im Februar 1945 wurde die Ausbildung abgebrochen und er in ein Fallschirmjägerregiment überführt. Mit diesem sollte er gegen die Amerikaner kämpfen, die ihn in der zweiten Aprilhälfte im Harz gefangen nahmen.

Anfang Juli 1945 übergaben ihn die Amerikaner an die Franzosen, die ihn in das Kriegsgefangenenlager von Chartres verbrachten. Dort arbeitete er auf einem Flugplatz, was den Plan entstehen ließ, ein Flugzeug an sich zu bringen und damit zu entfliehen. So waren beispielsweise auch sowjetische Kriegsgefangene aus Peenemünde geflüchtet. Doch im Unterschied zu den Russen scheiterten Wenzel und seine Kameraden, er kam ins Militärgefängnis. Man drohte ihn vor ein Militärgericht zu stellen, doch wenn er sich zum Eintritt in die Fremdenlegion verpflichtete, würde man die Sache niederschlagen. Im November 1945 wurde er aus der Haft in ein Ausbildungscamp der Legion Étrangére in Algerien entlassen. Nach kurzer Ausbildung verschiffte man ihn Anfang 1946 nach Saigon.

Nach Frankreichs Niederlage im Krieg gegen Deutschland hatten die Japaner 1941 das von Frankreich beherrschte Indochina besetzt und Kaiser Bao Dai als Marionette eingesetzt. Eine von der kommunistischen Partei unter Ho Chi Minh geführte Widerstands- und Befreiungsbewegung fegte das kaiserliche Regime hinweg und rief in Hanoi am 2. September 1945 die Demokratische Republik Vietnam aus. Im Süden versuchten die Franzosen wieder Fuß zu fassen, im Norden fielen chinesische Truppen mit britischer Unterstützung ein.

Wenzel desertierte aus der Fremdenlegion und schloss sich am 26. April 1946 der Liga für die Unabhängigkeit Vietnams, der Viet Minh, an.

Über die Hälfte der in Indochina eingesetzten Legionäre kamen aus den Gefangenenlagern, es handelte sich um ehemalige Wehrmachtsoldaten oder Angehörige der Waffen-SS. Im Unterschied zu diesen kam Wenzel nicht mit leeren Händen, weshalb er sogleich Gruppenleiter einer Marinebeschaffungsstelle in Quang Ngai wurde. Nach dem Einmarsch der Franzosen ging Wenzel in die Illegalität, um den Häschern der Legion zu entgehen. Zur Tarnung erhielt er den Namen Duc Viet.

Gleich ihm waren Erwin Borchers und Rudi Schröder sowie der Österreicher Ernst Frei zu den Viet Minh übergetreten, welche ebenfalls vietnamesische  Namen erhielten. Die drei waren vor 1939 nach Frankreich emigriert und bei Kriegsausbruch interniert worden. 1940 kamen sie mit der Fremdenlegion nach Vietnam. Dort überdauerten sie auf einem Stützpunkt in Nordvietnam den Krieg. Sie nahmen konspirativ Verbindung zu den Viet Minh auf, und als Ho Chi Minh im September 1945 die Unabhängigkeit erklärte, traten sie über.

Wenzel freute sich, auf gleichgesinnte Landsleute zu treffen. Um sich besser in die neuen Verhältnissen einzuleben, erhielt Wenzel eine Betreuerin zugeteilt. Diese Betreuung funktionierte so erfolgreich, dass er die Frau noch 1946 heiratete. Mit ihr und seinen neuen Freunden zog er in den Dschungel, als der Krieg zwischen Franzosen und Vietnamesen wieder aufflammte. Das schwer zu ertragene Tropenklima und die kärgliche Lebensweise hinterließen bleibende gesundheitliche Schäden. Der sprachbegabte Wenzel lernte sehr schnell die vietnamesische Sprache in Wort und Schrift. In den Lagern nahm er an den Schulungen und Lehrgängen teil, er studierte einschlägige Schriften, unter anderen natürlich auch Arbeiten von Ho Chi Minh. 1950 trat er der Kommunistischen Partei bei.

Bis 1948 stellte er Waffen und Sprengmittel für die Volksarmee her. Außerdem bildete er eine Propagandaabteilung, er wirkte als Abwehroffizier und war an Verhören bzw. Gesprächen mit Gefangenen und Überläufern beteiligt. Neben Medaillen zeichnete man ihn auch mit einem persönlichen Treffen mit Ho Chi Minh aus. 1949 versetzte man ihn in das Luftwaffenkomitee der Armee. Zu seinem Aufgabengebiet gehörte die Abwehr französischer Luftangriffe und die Ausbildung von Flugzeugführern. Dabei stürzte er mit einem offenen, zweisitzigen Schulflugzeug »Tiger Moth« (de Havilland DH.82) in einen Fluss.

Nach dem entscheidenden Sieg der Vietnamesen 1954 in Dien Bien Phu erhielt Major Siegfried Wenzel den Auftrag, am Flughafen Gia Lam von Hanoi den Flugsicherungsdienst aufzubauen. Anfang Januar 1956 hatte schließlich das Oberkommando der vietnamesischen Volksarmee seinem Wunsch stattgegeben, in die DDR überzusiedeln. Er wurde Mitte Januar in Ehren aus der Armee verabschiedet und trat am 1. Februar die Reise in die Heimat an.

Am 3. April 1956 endete der Transport in einem Quarantänelager in Königstein an der Elbe südlich von Dresden. Alle Proteste und Hinweise Wenzels auf seine besondere Kariere halfen nichts: Er musste dort einen ganzen Monat ausharren. (Von diesen blieb eine ganze Anzahl nach ihrer Entlassung im Raum Dresden. Dort besteht heute einer der größten deutschen Traditionsvereine der französischen Fremdenlegion.)

Am 1. Mai konnte Siegfried Wenzel das Auffanglager verlassen.

In Gesprächen wurde ihm klar, dass ein Einsatz als Offizier in den Streitkräften der DDR nicht in Frage kam. Mit einer unheilbaren Malaria war er nicht tauglich. Man schlug ihm eine Funktion in der Gesellschaft für Sport und Technik (GST) vor, er könnte als Instrukteur für Flugsport in der Bezirksorganisation Dresden arbeiten. Um Fuß zu fassen, nahm er noch im Mai 1956 das Angebot an. Ende Juli bezog er eine Wohnung in der Bolivarstraße. Sodann beantragte er den Nachzug von Frau und Kindern aus Vietnam beim Außenministerium. Aber die Bearbeitung zog sich über viele Monate hin, schließlich erhielt er eine endgültige Ablehnung. Man legte ihm die Scheidung nahe. Doch dieses Ansinnen lehnte Wenzel ab und schrieb Eingaben. Nicht einmal die Unterstützungszahlungen bekam das Außenministerium geregelt, wie er sich beklagte. Man nehme zwar das Geld an, zahle aber nichts in Vietnam an die bedürftigen Familien aus. Er war kein Einzelfall. In Hanoi zogen die Frauen mit ihren Kindern vor die Botschaft und besetzten diese zeitweise.

Inzwischen hatte Wenzel auch Kontakt zu seinem Sohn Peter und dessen Mutter aufgenommen. Er kümmerte sich nun um die berufliche und sportliche Entwicklung des inzwischen 16-jährigen Jungen. Er holte ihn zu sich nach Dresden und führte ihn an den Segelflugsport heran.

Als schließlich die Absage endgültig war, dass seine Familie aus Vietnam nicht nachkommen würde – 18 weiteren Rückkehrern erging es ebenso, wie es heißt – zog er mit Sohn und Herta zusammen. Wenzel kam mit seiner Frau in Vietnam überein, dass die Trennung unter den gegebenen Umständen für beide die beste Lösung sei. Jedoch stellte sich sehr schnell heraus, dass eine Ehescheidung nicht weniger schwer zu regeln war. Die Ehe- und Scheidungsgesetze in beiden Ländern lagen weit auseinander, es gab keine ordentlichen Papiere, und kein Scheidungsgericht hatte eine Grundlage, sich der Sache anzunehmen. Wieder lief der Vorgang über die Außenministerien, die naturgemäß keine Scheidungen beschließen konnten.

Als ich später einmal Karl Heiland zu Siegfried Wenzel befragte, schlug dieser die Hände über dem Kopf zusammen und sagte, ich könnte mir keine Vorstellungen machen, wie seinerzeit der Fall die Direktion der Deutschen Lufthansa, vornehmlich ihn selbst, beschäftigt habe. Weil die Ministerien keine richtige Lösung fanden oder Wenzel deren Vorschläge immer wieder ablehnte bzw. die Versorgung der Familie geregelt haben wollte, wäre er immer wieder einbezogen gewesen. Nach Jahren, wahrscheinlich Ende 1961, einigten sich beide Außenministerien, dass die Eheleute ein Dokument erhielten, das ihnen die Ehescheidung bestätigte.

Am 1. Dezember 1956 war Siegfried Wenzel zur DLH in die Verkehrsabteilung gewechselt. Im Sommer des folgenden Jahres sollte der Inlandflugverkehr aufgenommen werden. Dazu mussten die Flughäfen in Dresden, Erfurt, Barth und Karl-Marx-Stadt (Chemnitz) überhaupt erst hergerichtet und mit Personal ausgestattet werden. In Siegfried Wenzel, der sich mit Flugsicherung und Flughafenbau in Hanoi beschäftigt hatte, sah man den dafür richtigen Mann.

Verkehrsleiter Werner Kießling nahm Wenzel unter seine Fittiche. Dieser absolvierte in Berlin einige Schulungen und Einweisungen. Seine Frau Herta, eine gelernte Kauffrau, wurde in die Buchung, den Flugscheinverkauf und als Bodenstewardess eingewiesen. Ende Februar nahm Kießling, der seit 1950 den Messeflugverkehr abwickelte, Wenzel mit nach Leipzig. Wenzel sprach Englisch und Französisch und war für Kießling bald unverzichtbar.

Nach dem Messeeinsatz begann die Vorbereitung der anderen Inlandflugplätze. In Barth, einem kleinen Städtchen zwischen Rostock und Stralsund, wollte man lediglich ein Provisorium einrichten, denn noch hielt man am Ausbau des alten Heinkelflugplatzes in Rostock-Marienehe fest. Wenig später jedoch beschloss die Regierung, auf diesem Gelände das Fischereikombinat der DDR zu errichten. Das Provisorium Barth blieb darum bis zum Ende des Inlandflugbetriebes mit dem Typ AN-24 im Jahre 1975 bestehen. Siegfried Wenzel erhielt die Aufgabe übertragen, neben Dresden auch die Flughafenleitung von Barth zu übernehmen. Da dort überwiegend mit Saisonverkehr gerechnet wurde, hatte man nur eine sehr kleine Abfertigungscrew eingestellt. In den Sommermonaten flog Wenzel zur Wahrnehmung seiner dortigen Funktion zeitweise nach Barth. Herta Wenzel begleite ihn, um bei der Buchung und Abfertigung auszuhelfen.

Am 16. Juni 1957 wurde der Inlandflug auf allen Plätzen mit Volksfesten eröffnet. Hauptattraktionen bildeten die Rundflüge mit IL-14, AN-2 und der Super Aero 45. Der erste Tag war auch hinsichtlich der Buchungen für die neuen Inlandlinien ein gewisser Erfolg. 15 Prozent der Tickets waren im Sommerflugplan gebucht.

Am 2. Juli wertete Hauptdirektor Arthur Pieck den Anlauf des Inlandverkehrs auf einer Direktionssitzung aus. Am besten schnitt erstaunlicherweise die kurze Strecke Leipzig-Berlin ab, wo bereits 80 Prozent Auslastung erreicht wurden. Schlechter als erwartet wertete man die Buchungen von Barth und Erfurt. Siegfried Wenzel ordnete für Dresden die Eröffnungsveranstaltung als vollen Erfolg ein. Die Rundflüge seien gut angenommen worden, und es bestehe weiterer Bedarf. Die Nähe zur Luftfahrtindustrie sei hier bestimmend, da viele Beschäftigte auch selbst einmal fliegen wollten. Die Linien nach Berlin und Erfurt liefen gut, aber Barth bliebe noch hinter seinen Erwartungen zurück. Er hoffe, in der bevorstehenden Feriensaison den Durchbruch zu schaffen.

Die materiellen und technischen Voraussetzungen für die Abwicklung des Flugverkehrs kritisierte Wenzel als nicht ausreichend. Keine der geplanten Bau- und Umbaumaßnahmen seien begonnen worden. Er benötige in Dresden einen eigenen Zubringerbus, da die Nahverkehrsanbindung nicht ausreichend sei. Er wolle die Passagiere schon am Stadtbüro einchecken lassen und dann zum Flugzeug bringen bzw. die ankommenden dort abholen. Außerdem benötigte er noch weitere Bodengeräte, Elektranten für die Stromversorgung der Flugzeuge und Kontrollen am Boden sowie ein Motorrad, um die Dienste auf dem Platz sicherzustellen. Ebenfalls stimme der Flugplan nicht, die Maschinen aus Barth landeten immer früher als geplant, was mit den wenigen Leuten nicht in das Abfertigungsregime passe.

Als Höhepunkt der Eröffnungsphase des Dresdner Flughafens erlebte Siegfried Wenzel den Staatsbesuch des Präsidenten Vietnams am 27. Juli 1957 in Dresden. Ho Chi Minh flog mit einer IL-14-Regierungsmaschine der Deutschen Lufthansa ein. Als er die Treppe herunterkam, ließ er zunächst die Offiziellen der Partei und des Rates des Bezirkes links liegen, schritt auf Wenzel zu und begrüßte ihn mit sichtlich großer Freude und Herzlichkeit. Er hatte ihn sofort erkannt oder war vorher auf ihn aufmerksam gemacht worden. Ho Chi Minh kam nach Dresden, um in Moritzburg ein Kinder-, Erholungs- und Schulungscamp mit 300 Pionieren aus Vietnam zu besuchen. Sie waren Gäste der DDR-Pionierorganisation.

Im Dezember 1957 wurde Wenzel nach Berlin zum Direktor Flugbetrieb gerufen. Er traf neben Fritz Horn auch den sowjetischen Berater Wladimir Pawlow sowie den Instrukteur für fliegerische Ausbildung Rolf Heinig. Die Gruppe beschäftigte sich mit der Vorbereitung des ersten Solidaritätsfluges nach Vietnam, dessen Start am 6. Januar 1958 angesetzt war.

Wenzel sollte die Besatzung mit den Gegebenheiten des Hanoier Flughafens, der dortigen Verhältnisse, mögliche technische Hilfeleistung, die navigatorischen Anflugbedingungen, die Wettersituation und andere praktische Dinge bekanntmachen. Bei dieser Gelegenheit bat Wenzel den Kommandanten Heinig, ein Päckchen für seine Familie in Hanoi mitzunehmen. Obgleich so etwas verboten war, verstaute Heinig seinen »Proviant« unter seinem Sitz im Cockpit.

Beginnend mit Moskau 1958 setzte die Deutsche Lufthansa in den Hauptstädten der europäischen sozialistischen Staaten Repräsentanten ein. Diese waren für die Anleitung der Buchungsbüros, die Werbung, die Betreuung der Fluggäste, für die Abfertigung der eigenen Maschinen und Passagiere sowie für die vertraglichen Regelungen in den jeweiligen Ländern zuständig. 1960 wurde die Repräsentanz in Bukarest besetzt und die Leitung der DLH entschied sich, mit dieser Funktion Siegfried Wenzel zu beauftragen.

Für Rumänien gab es bald eine Besonderheit. Das Reisebüro der DDR nahm den Charterverkehr nach Constanza an der Schwarzmeerküste auf, die Abwicklung erfolgte durch die Bukarester Vertretung. 1959 und 1961 stellte der Gewerkschaftsbund der DDR (FDGB) zwei Urlauberschiffe, die »Völkerfreundschaft« und die »Fritz Heckert« in Dienst, welche Urlauber von Rostock durch Nordsee, Atlantik und Mittelmeer nach Constanza sowie zurück brachte. Zwischendurch führten die Reisen durch das Schwarze Meer, vornehmlich in sowjetische Häfen. Die DLH erhielt dafür den Auftrag, den Urlauberaustausch über die rumänische Hafenstadt vorzunehmen, was aber technisch infolge der Probleme des IL-18-Einsatzes und des Ausfalls des Düsenliners 152 zunächst nicht bewerkstelligt werden konnte. Deshalb übernahm die sowjetische AEROFLOT die Charter.

Am 26. April 1962 heirateten Siegfried und Herta Wenzel in Constanza auf einem der Urlauberschiffe. Da viele Hochzeitsreisende die Kreuzfahrten buchten, hatten die Kapitäne das Trauungsrecht als Standesbeamte bekommen. Auf diese Weise heirateten die Wenzels im Ausland und doch auf DDR-Territorium.

Seit 1960 wurde Siegfried Wenzel für die Vorbereitung von Flugzielen und Überflugrechten im Mittelmeerraum durch die DLH und die INTERFLUG eingesetzt. Seine französischen und englischen Sprachkenntnisse mögen hier neben den abfertigungstechnischen als Flughafenleiter und Repräsentant eine vorrangige Rolle gespielt haben.

Ein weiteres Ergebnis der Auslandseinsätze von Siegfried Wenzel rund um das halbe Mittelmeer: Er empfahl sich für eine Kundschaftertätigkeit für die Auslandsaufklärung der DDR. Seit 1963 arbeitete Wenzel für die Hauptverwaltung Aufklärung (HV A) des MfS. Er war überzeugter Kommunist, zuverlässig, weltläufig und sprachlich versiert. Auch seine Frau wurde in diese Aufgabe mit einbezogen. Um seinen Einsatz zu legendieren, wurde der Inoffizieller Mitarbeiter »Winter« in Unehren von der Lufthansa entlassen. Sein Freund Werner Kießling empörte sich noch Jahre später darüber, wie man mit Siegfried umgesprungen sei. Plötzlich sei er wegen seines Alkoholproblems nicht mehr tragbar gewesen und wurde gefeuert. Dabei war seit seiner Einstellung bekannt, dass er Malaria hatte. Weil es jedoch keine Medikamente gab, trank Wenzel nach dem Frühstück zu überstarkem Tee zwei oder drei Gläschen Weinbrand als Medizin. Danach roch er zwar etwas nach Alkohol, aber sonst merkte ihm keiner den Alkoholgenuss an. Kießling meinte, es müsse wohl etwas Schlimmes vorgefallen sein, worüber niemand reden wollte, denn Wenzels Frau hatte man gleich mit entlassen. Bei Alkoholdelikten gab es normalerweise erst einmal Disziplinar- und medizinische Maßnahmen, man wurde in eine Tätigkeit versetzt, in der man keinen weiteren Schaden anrichten und sich wieder bewähren konnte. Warum also diese harte Gangart bei Wenzel?

Wenzel wurde auf einen Auslandseinsatz als Kundschafter in Brüssel, dem künftigen Sitz des NATO-Hauptquartiers, vorbereitet. Neben der sprachlichen und wirtschaftlichen Einweisung – er sollte sich in der Gastronomie etablieren – erfuhr er auch eine medizinische Therapie im Regierungskrankenhaus in Berlin.

Um den 1. Mai 1965 erhielt Siegfried Wenzel noch einmal eine Einladung vom Leiter des Flugbetriebes der INTERFLUG in Berlin-Schönefeld, seit 1959 war das Walter Lehweß-Litzmann. Wieder ging es um die Beratung für einen Solidaritätsflug nach Hanoi, der eine Serie von Flügen mit dem Typ IL-18 eröffnen sollte. Wenzel traf nicht nur auf den Chef der Flieger, welcher das Unternehmen führen sollte. Er traf in der Vorbereitungsgruppe auch auf seinen alten Bekannten, Flugkapitän Rolf Heinig. Flugkapitän Kurt Wagner, Bordingenieur Kurt Röhricht und Navigator Wolfgang Thieme ergänzten die Crew. Die Fliegergruppe wunderte sich, wie gut Wenzel vorbereitet war, selbst über die aktuelle Luftkriegssituation in Vietnam wusste er Bescheid.

Bei der Vorbereitung des Fluges mit medizinischen Hilfsgütern ahnte niemand, dass dieser Flug ein regelrechter Kampfeinsatz werden sollte. Dieses Auftaktunternehmen der Hilfsflüge für Vietnam beschrieb Walter Lehweß-Litzmann ausführlich in seinen Erinnerungen. Und die Fliegergruppe ahnte nicht, dass Siegfried Wenzel, welcher für die nächsten Jahre eine Tätigkeit in der Sowjetunion ankündigte, in Wirklichkeit einen geheimen Kampfeinsatz an der Westflanke übernahm.

Am 7. Mai 1965 schrieb Wenzel einen Brief an seinen Freund Werner Kießling, in dem er sich zu einer Aufgabe in die UdSSR verabschiedete und erklärte, dass er in nächster Zeit kaum mehr erreichbar sein werde.

Als ich Mitte der 80er Jahre mit Rolf Heinig und meinem Vater über diesen ersten IL-18-Solidaritätsflug sprach, wurde den beiden die Besonderheit dieser Zusammenkunft bewusst. Fünf ehemalige Luftwaffenangehörige, welche in Hitlers verbrecherischem Krieg auch gegen Amerikaner gekämpft hatten und dabei geläutert wurden, berieten jetzt darüber, wie sie an der Seite des tapferen vietnamesischen Volkes einem verbrecherischen Aggressor, den USA, Widerstand entgegensetzen konnten.

Siegfried und Herta Wenzel reisten für Verwandte, Freunde, Bekannte und Arbeitskollegen in die Sowjetunion ab und kamen mit neuer Identität wenig später in Brüssel an. Sie hatten die Kundschafteraufgabe übernommen in der Überzeugung, damit einen Beitrag zu leisten, dass das militärstrategische Gleichgewicht zwischen den Blöcken und damit der Frieden erhalten blieb.

In Brüssels Innenstadt richtete er ein Restaurant ein. In den ersten drei Jahren bemühte er sich darum, sich zu etablieren, einen Kundenstamm aufzubauen und sich in die neuen Verhältnisse einzuleben. Diese übliche Vorbereitungsphase endete praktisch jedoch mit einem physischen Zusammenbruch. Im Frühjahr 1968 hatte sich der Gesundheitszustand von Siegfried Wenzel verschlechtert, was er aber nicht sonderlich ernst nahm. Wenzel schob es der Malaria zu. Ende Juni musste er jedoch mit einem Rettungswagen in ein Krankenhaus gebracht werden. Man diagnostizierte eine aggressive Form von Leukämie im fortgeschrittenen Stadium. Wenige Tage nach seiner Einlieferung verstarb er auf der Intensivstation am 1. Juli 1968.

Herta Wenzel beerdigte ihren Mann auf einem Brüsseler Friedhof, da eine Überführung des Leichnams nach Dresden nicht möglich war.

Danach verkaufte sie das Restaurant und kehrte Anfang 1969 in die DDR zurück. Bereits am 1. Februar 1969 nahm sie ihre frühere Tätigkeit in der Verkehrsabfertigung am Dresdner Flughafen wieder auf.

 

Wo wenig bekannt ist, entstehen Legenden. Eine, die ich in den 80er Jahren vernahm, ging so: Siegfried Wenzel habe mindestens zehn Jahre als Topspion der Staatssicherheit im NATO-Bereich gearbeitet, sei 1975 nach der Teilnahme an der vietnamesischen Siegesfeier von Hanoi nach Brüssel geflogen und dort in einem Hotel von »Kettenhunden« der Fremdenlegion aufgespürt worden, die ihn wegen seines Verrates vor dreißig Jahren mit dem Tode bestraft hätten.

Auch wenn es bei der BStU keine Akten von und über Siegfried Wenzel gibt oder diese nicht auffindbar sind, kann mit Sicherheit davon ausgegangen werden, dass eben diese Geschichte über sein Ende keinen realen Hintergrund hat.

Nach dem Buch „Die Gründer der DDR Luftfahrt“, Militärverlag 2010, ISBN-13: 978-3360027030