„junge Welt“ vom 21.12.2013 / Wochenendbeilage / Seite 1 /
Gespräch mit James Clark. Über revolutionären Übermut, sinnvolle politische Arbeit und verschlüsselte Kommunikation zwischen den USA und Ostberlin.
Interview: Claudia Wrobel
„junge Welt“ vom 21.12.2013 / Wochenendbeilage / Seite 1 /
Interview: Claudia Wrobel
„junge Welt“ vom 11.12.2013 / Schwerpunkt / Seite 3 /
Von Volker Hermsdorf
US-Präsident Barack Obama gehörte am Dienstag in Johannesburg zu den Trauerrednern für den verstorbenen südafrikanischen Freiheitshelden Nelson Mandela. Was er in seiner Ansprache nicht erwähnte: Es war der US-Geheimdienst, der Mandela Pretorias Rassisten ans Messer lieferte. Die CIA hatte der südafrikanischen Geheimpolizei die entscheidenden Hinweise gegeben, die am 5. August 1962 zur Festnahme Nelson Mandelas und seiner anschließenden 27jährigen Haft führten.
Nach dem Tod des früheren südafrikanischen Präsidenten und Friedensnobelpreisträgers erinnerte das US-Nachrichtenmagazin Newsweek am vergangenen Donnerstag daran, wie die USA bei der Jagd auf Mandela in den 60er Jahren mitgemischt hatten. Washington war damals mit dem Apartheidregime durch ein militärisches Kooperationsabkommen eng verbunden. Die USA bezogen einen großen Teil des Urans für ihre Kernkraftwerke und atomare Aufrüstung von dort. Die Widerstandskämpfer des Afrikanischen Nationalkongresses (ANC) störten nicht nur die guten Geschäfte, sondern galten auch als Sicherheitsrisiko im Kampf gegen den Einfluß der sozialistischen Länder. Der ANC und seine Führer wurden von der US-Administration offiziell zu »Terroristen« erklärt. Senatoren, Kongreßabgeordnete und politische Mitarbeiter trugen am Revers Buttons mit der Aufschrift: »Hang Nelson Mandela and all ANC terrorists!«
Bereits kurz nach Mandelas Freilassung am 11. Februar 1990 hatte die in Johannesburg erscheinende Sunday Times enthüllt, daß ein CIA-Agent namens Millard Shirley die südafrikanische Geheimpolizei Anfang August 1962 auf die Spur Mandelas geführt hatte. Dem Bericht zufolge hatte der US-Dienst einen Spitzel in die Leitung des ANC in Durban eingeschleust und dessen Aktivitäten systematisch ausspioniert. Gerard Ludi, ein früherer südafrikanischer Geheimdienstagent, gestand dem Blatt, daß die eigenen Leute für ihre Aufgaben nicht ausreichend trainiert gewesen und deshalb von den US-Helfern unterstützt worden seien. »Ich vermute, daß Shirley die Informationen auf Anweisung seiner Regierung an die Südafrikaner gegeben hat, weil es im Interesse der USA lag, Mandela aus dem Weg zu räumen«, sagte Ludi.
Am 10. Juni 1990 bestätigten mehrere US-Medien die Berichte aus Südafrika. Die New York Times und die Chicago Tribune zitierten einen damaligen Regierungsbeamten, der sagte, daß er kurz nach Mandelas Festname von dem hochrangigen CIA-Mitarbeiter Paul Eckel mit folgenden Worten davon unterrichtet worden war: »Wir haben Mandela den südafrikanischen Sicherheitskräften überstellt. Wir haben sie über alle Details – Ort, Uhrzeit und welche Kleidung er trägt – informiert. Sie haben ihn aufgelesen. Das ist einer unserer größten Erfolge.« Der Beamte habe sein Schweigen erst nach knapp 30 Jahren gebrochen, weil er nach Mandelas Freilassung keinen Anlaß mehr für die Geheimhaltung gesehen habe, so die US-Nachrichtenagentur Cox News Service.
Obwohl Mandela noch bis zum 1. Juli 2008 auf ihrer »Terrorism Watch List« geführt wurde, änderten die USA nach seiner Freilassung und dem Zusammenbruch des Apartheidregimes offiziell ihren Kurs. Der damalige Präsident George Bush behauptete, daß die US-Regierung immer den Kampf Mandelas gegen den Rassismus unterstützt und sich stets gegen seine Inhaftierung ausgesprochen habe. Diese Version verbreitet die offizielle US-Politik bis heute. Auch Barack Obama knüpfte an diese Lüge an. Bei seinem Südafrika-Besuch im vergangenen Juli stieß er nicht zuletzt deswegen immer wieder auf heftige Proteste. Sein angebliches Vorbild Nelson Mandela hat er persönlich nie zu Gesicht bekommen. Nun erwies der US-Präsident einem Revolutionär die Ehre, der 27 Jahre seines Lebens hinter Kerkermauern verbringen mußte, weil die CIA dem Rassistenregime bei seiner Verfolgung und Ergreifung geholfen hat.
„junge Welt“ vom 04.12.2013 / Schwerpunkt / Seite 3 /
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Von Klaus Eichner
Über die »Hauptstelle für Befragungswesen« in Berlin wird das systematische Aushorchen von Asylbewerbern durch deutsche und ausländische Geheimdienstmitarbeiter organisiert. Berichte des NDR und der Süddeutschen Zeitung haben darauf im November aufmerksam gemacht. Jetzt soll die dem Bundesnachrichtendienst zugeordnete Behörde aus »Effizienzgründen« aufgelöst werden. Das geht aus einer schriftlichen Antwort der Bundesregierung auf eine Frage von Linksfraktionsvize Jan Korte hervor. Klaus Eichner skizziert die Wurzeln und Aufgaben der geheimdienstlichen Befragungsaktionen.
Im Juni 1946 haben die US-Besatzungsbehörden in der amerikanischen Besatzungszone in Deutschland die »Organisation Gehlen« gegründet. Im neuen Nachrichtendienst machten viele ehemalige Mitarbeiter der »Abteilung Fremde Heere Ost« des einstigen deutschen Generalstabs Karriere. Zu den Schwachpunkten der Geheimdiensttätigkeit der »Organisation Gehlen« und des aus ihr 1956 hervorgegangenen Bundesnachrichtendienstes (BND) gehörte aber von Anfang an, daß sie nicht in der Lage waren, Agenten für den Einsatz in der Spitze der Sowjetunion und der Ostblockstaaten zu gewinnen und zu führen. Als Ersatz für aktive Geheimdienstquellen in Führungskreisen der UdSSR bediente sich General Reinhard Gehlen bei den aus der Sowjetunion heimkehrenden rund drei Millionen deutschen Kriegsgefangenen. Sie hatten durch ihre Arbeit fast alle Bereiche der sowjetischen Wirtschaft kennengelernt, waren u.a. auch beim Aufbau von Rüstungsbetrieben eingesetzt. Einige von ihnen hatten die russische Sprache recht gut gelernt und konnten so auch Gespräche russischer Arbeiter verstehen.
Dazu kamen auch deutsche Spezialisten, die mehr oder weniger freiwillig an teilweise bedeutsamen Positionen in wissenschaftlichen und technischen Einrichtungen der UdSSR eingesetzt waren. Dieser Personenkreis lieferte Erkenntnisse über Forschungsobjekte und rojekte, über Produktionsstätten von Waffensystemen, über den Stand der Nukleartechnik der UdSSR und andere Aufklärungsschwerpunkte.
Im Sommer 1947 startete Gehlen eine detaillierte Befragungsaktion unter der Deckbezeichnung »Hermes«. Die Grundlagen dafür lieferten in den westdeutschen Heimkehrerlagern stationierte Geheimdienstmitarbeiter. Sie erfaßten von jedem Ankommenden zumindest die Angaben über Aufenthalte in Lagern und Art und Ort der Beschäftigung auf Fragebogen. Diese Angaben wurden zentral ausgewertet und z.B. auch mit Unterlagen von Gehlens »Fremde Heere Ost« verglichen. Später erschien bei den Heimkehrern zu Hause ein »Vertreter einer deutschen Dienststelle« und bat um ein Gespräch über die Zeit als Kriegsgefangener. Fast nebenbei notierten die Befrager auch Angaben über angebliche Spitzel in den Lagern oder über Schüler in Antifa-Kursen. Diese wurden dann in einer Sonderkartei als mögliche Feind¬agenten erfaßt. Aus der Masse der Detailinformationen konnten Gehlens Auswerter ein Bild der wirtschaftlichen und militärischen Lage erarbeiten, dessen Umfang und Qualität niemals durch den Einsatz von Agenten hätte erreicht werden können.
Die amerikanischen Partnerdienste wollten dieses Feld den deutschen »Kollegen« nicht allein überlassen. So lief von 1947 bis 1956 beim Geheimdienst der US-Luftwaffe die Aktion »Wringer«. US-Experten kontaktierten mehr als 300000 ehemalige Kriegsgefangene und unterzogen sie – meist parallel zu den Aktionen des BND – einer intensiven nachrichtendienstlichen Befragung. Ein analoges Programm realisierte die US-Luftwaffe in Japan. Spätere Forschungen belegten, daß diese Informationen nicht zuletzt dazu dienten, die Zieldateien des strategischen Bomberkommandos der USA für Angriffe auf sowjetische Einrichtungen zu ergänzen oder zu präzisieren.
Auch in den Lagern und Heimen, in denen Flüchtlinge aus der Sowjetischen Besatzungszone bzw. DDR oder aus anderen osteuropäischen Staaten untergebracht wurden, baute Gehlen ein Netz von Befragungsstellen auf. Daraus entstand – in Verbindung mit den Diensten der Westalliierten – das System der geheimdienstlichen »Sichtungsstellen« oder »Vorprüfstellen«.
Alle Menschen in diesen Lagern waren bestrebt, durch ihr Verhalten und bei den Befragungen einen möglichst lukrativen Status als »politischer Flüchtling« zu erhalten. Etliche wurden auch aktiv zu geheimdienstlichen Anwerbeoperationen eingesetzt. Dazu diente u.a. das System der »Anschreibebriefe«. Freunde oder Bekannte der Flüchtlinge aus der DDR mit für den Geheimdienst interessanten Tätigkeiten oder Wohnverhältnissen (z.B. mit Einblick in Militäranlagen) erhielten einen persönlichen Brief des geflohenen Freundes oder Bekannten mit der Bitte, ihn doch einmal in Westberlin zu besuchen, er brauche ein Zeugnis oder eine andere Bestätigung von Angaben.
Wenn der DDR-Bürger sich dann unter der angegebenen Telefonnummer meldete und man sich in einem Café traf, saß ein »Bekannter« mit am Tisch und führte das Gespräch. Es mündete direkt oder in einer späteren Phase dann in das Angebot einer »Zusammenarbeit mit dem Westen«.
Zur Absicherung dieser Operation setzten die Geheimdienste Kuriere ein, die diese Schreiben nach Ostberlin brachten und dort erst in Postbriefkästen einwarfen. Allerdings war dieses System »löchrig«, waren doch einige Kuriere inoffizielle Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR. Die Spionageabwehr konnte entscheiden, welche der Briefe überhaupt ihre Empfänger erreichen sollten und konnte diese DDR-Bürger vorab ansprechen und klären, ob und wie sie auf ein entsprechendes Angebot für geheimdienstliche Zusammenarbeit eingehen sollten.
Wie aus den Operationen »Hermes« oder »Wringer« ersichtlich, beruhte ein beträchtlicher Teil des nachrichtendienstlichen Informationsaufkommens auf Befragungen. Das führte dazu, daß diese Aktivitäten auch strukturell einen entsprechenden Platz im System der Geheimdienste finden mußten. Im BND ordnete man das Befragungswesen in die Abteilung 1 – Operative Aufklärung, Unterabteilung 14 »Rezeptive Informationsbeschaffung« ein. Dazu gehörten auch das Meldenetz an der Grenze zur DDR und die Post- und Telefonkontrolle des BND, getarnt als »Hauptstellen für spezielle Datenverarbeitung«. Die generelle, nicht sonderlich originelle Bezeichnung der Außenstellen des Referates Befragungswesen (Referat 14C) lautete: Hauptstelle für Befragungswesen. Solche »Hauptstellen« gab es in allen Bundesländern der damaligen BRD. Sie unterhielten Außenposten in den entsprechenden Aufnahmelagern für »Ostflüchtlinge«.
In der jüngeren Vergangenheit konzentrierten sich die nachrichtendienstlichen Interessen vor allem auf Flüchtlinge aus internationalen Krisengebieten und aus Ländern mit vermuteten Al-Qaida-Strukturen.
Nach alliierten Vereinbarungen arbeiteten in einigen Aufnahmelagern auch Vertreter von Militärgeheimdiensten Großbritanniens und Frankreichs – durchgehend in allen Lagern waren US-amerikanische Dienste aktiv. Die für Deutschland zuständigen Strukturen waren im 18. Military Intelligence Battalion in der McGraw-Kaserne in München zusammengefaßt, ihre Außenstellen in den Lagern firmierten als 5. Military Intelligence Company.
Von Anfang an richteten die Geheimdienste Objekte und Dienststellen ein, in denen besonders bedeutsame Übersiedler bzw. Flüchtlinge einer speziellen und besonders intensiven Befragung unterzogen werden konnten. Das betraf jene mit Kontakten zu Sicherheitsorganen osteuropäischer Länder oder zu militärischen Führungsstrukturen bzw. zu militärisch bedeutsamen wissenschaftlichen Forschungen. Über Jahre hin flogen die amerikanischen Geheimdienste solche Menschen in das zentrale Vernehmungszentrum »Camp King« in Oberursel im Taunus.
Für Westberlin hatten die alliierten Geheimdienste das sogenannte »Joint Allied Refugee Operation Center« (JAROC) in der Sven-Hedin-Str. 9–11 im Bezirk Zehlendorf eingerichtet. Dort erfolgte die intensive Befragung solcher besonders wertvoller Quellen und oft danach noch deren Überstellung in das »Camp King«.
Die Aufklärung der DDR hatte eine besonders geheimnisumwitterte Truppe in Köln im Visier. In einem Objekt des Bundesamtes für Verfassungsschutz in der Merlostraße residierte ein »Interagency Refugee Coordination Detachment« (IRCD). Dabei handelte es sich um eine Koordinierungsstelle westlicher Geheimdienste für die Erfassung und Verdichtung von Erkenntnissen über die östlichen Geheimdienste für die eigene Spionageabwehr und Gegenspionage.
Klaus Eichner arbeitete seit 1957 in der Spionageabwehr der DDR und als Analytiker im Bereich C der Abteilung IX der Hauptverwaltung Aufklärung (HVA). Später leitete er diesen Bereich bis zur Auflösung des Ministeriums für Staatssicherheit.
Link zum Originalartikel in der “jungen Welt” vom 04.12.2013
Die Konferenz hatte eine lange Vorgeschichte. In die Gespräche hierzu waren einbezogen: Helmut Müller-Enbergs, Mitarbeiter in der Forschungsabteilung der damals unter Leitung von Frau Birthler stehenden Behörde, der zu diesen Gesprächen bevollmächtigt war, Thomas Wegener Friis, Assistant Professor an der Universität Odense, Sektion zur Erforschung der Kalten Krieges und der Autor dieses Beitrags, ehemaliger Abteilungsleiter der HV A. Continue reading ‘Erinnerungen..’ »
…Unlängst habe ich Bernd Fischers Buch “Der Große Bruder” erhalten und es gleich mit lebhaftem Interesse gelesen. Dabei wurde ich in längst vergangene Zeiten meiner Tätigkeit in der DDR und zu meinen alten Freunden zurückversetzt. Dieses Buch ist die erste wirklich gründliche Darstellung des Entstehens und der Entwicklung einer langjährigen, äußerst engen Zusammenarbeit zwischen den Aufklärungsorganen der UdSSR und der DDR. Bernd Fischer vermochte nicht nur ein objektives Bild der wirklich brüderlichen Zusammenarbeit zu vermitteln, sondern auch den Geist der Arbeitsatmosphäre zwischen Mitarbeitern beider Dienste zu schildern.
Die DDR-Aufklärung war einer der effektivsten Nachrichtendienste der Welt. Die hochwertigen Informationen der HV A des MfS – z. B. über aggressive NATO-Pläne und die Wiederaufrüstung der BRD – waren von größter Bedeutung für die UdSSR und das gesamte sozialistische Lager. Die Einschätzung des Chefs der sowjetischen Aufklärung W. A. Krjutschkow trifft völlig zu: „Die DDR-Aufklärung hat für uns weit mehr getan …“
Ich habe natürlich, lieber Klaus, auch Deinen Artikel im Februar-„RotFuchs“ über das Fischer-Buch gelesen und bin mit Dir völlig einer Meinung.. ..
..Als Sekretär der Vereinigung ehemaliger Kundschafter der UdSSR übermittle ich Euch freundschaftliche Kampfesgrüße.
Oberst a. D. Vitali Korotkow, Moskau