Interview mit Egon Krenz in der Prawda

(Egon Krenz hat freundlicherweise die originale deutsche Fassung zu Verfügung gestellt)

Andrey DULTSEV: Warum haben Sie Ihr Buch “Wir und die Russen“ jetzt geschrieben und veröffentlicht? Haben Sie den Zeitpunkt absichtlich ausgewählt?

Egon Krenz: Mit meinem Buch erinnere ich die Herrschenden hierzulande an eine von ihnen vergessene historische Erfahrung: Deutschland ging es immer dann am besten, wenn es gute Beziehungen zu Russland hatte. Das wusste im 19. Jahrhundert schon der Eiserne Kanzler Bismarck. Es gibt einen äußerst interessanten Brief seiner Urenkelin aus dem Jahre 1947 an Generalmajor Sergei Iwanowitsch Tulpanow, der damals in der sowjetischen Militäradministration in Deutschland tätig war, den ich in meinem Buch zitiere: “Es schreibt Ihnen die Enkelin des bedeutenden Staatsmannes Bismarck, dessen Vermächtnis immer ein ewiger und unzerstörbarer Frieden mit Russland war. Sogar auf dem Sterbebett … hat dieser wiederholt: ›Nie gegen Russland!‹ Zu diesem progressiven Erbe des Erz-Konservativen passt nun aber die aktuelle Außenpolitik Deutschlands überhaupt nicht. Begriffe wie “Bestrafungen” und “Sanktionen” aus dem Munde deutscher Politiker an Russlands Adresse sind nicht nur geschichtsvergessen, sie sind eine Anmaßung gegenüber einem Volk, das für Deutschlands Freiheit vom Faschismus sein Herzblut gegeben hat.

Damit erinnern Sie auch an die Befreiung des deutschen Volkes vom Faschismus?

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30 Jahre “Wiedervereinigung” mit bitterem Geschmack

30 Jahre nach der Einvernahme der DDR durch die Bundesrepublik Deutschland scheinen die Gräben tiefer und nicht flacher zu werden. Diesen Eindruck vermitteln zumindest jüngste Veröffentlichungen und Erklärungen von Ostdeutschen und über Ostdeutsche.

von Rainer Rupp

Heute, am 3. Oktober, feiert das offizielle Berlin 30 Jahre Wiedervereinigung mit vielen Jubiläums-Veranstaltungen, Ausstellungen, Aktionen und anderen sogenannten Highlights zum Tag der Deutschen Einheit, die viele Menschen im Osten immer noch als westdeutsche Besatzung oder Annexion der DDR empfinden.

Dank Corona werden uns dieses Jahr wenigstens Großveranstaltungen erspart bleiben, nicht jedoch kitschige Präsentationen – wie das große schwarz-rot-goldene Herz, das in Potsdam während des Eröffnungstages der Einheits-Expo in der Ausstellung “Weg zur Einheit” im Mittelpunkt von schwarzen, roten und gelben Stoffbahnen die Herzen der Besucher dazu bringen soll, freudig schneller zu schlagen.

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Erklärung zu 30 Jahre Anschluss DDR — „Für eine bessere Zukunft“

Ostdeutsches Kuratorium von Verbänden e.V. (OKV)

Vor 30 Jahren „trat“ die DDR der BRD bei. Viele DDR-Bürger hatten die Illusion, im nunmehr vereinten Deutschland ein friedliches, freies, gleichberechtigtes und wohlhabendes Leben führen zu können. Diese Illusion hat sich für die meisten Bürger nicht erfüllt. Sie sind gestrandet in einem Gesellschaftssystem der Raffgier und des Geldes. Sie leben in einem Staat, der Kriege führt, beim Waffenexport führend ist, die EU im Interesse des Kapitals dominiert, weltweit durch bewaffnete Interventionen und durch Ausbeutung von Mensch und Natur große Zerstörung, Elend, Armut und folglich Ströme von Flüchtlingen und Migranten erzeugt, die dann im Mittelmeer ertrinken können oder von der EU-Wertegemeinschaft in menschenunwürdigen Lagern ihrem Schicksal überlassen werden.

Besonders schockiert, dass wir nun in einem Staat leben, in dem die Herrschenden Russland und seine führenden Repräsentanten auf das Übelste verleumden und politisch, militärisch und wirtschaftlich erpressen.

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Diplomatie BRD-Vietnam – Verdrängte Vorgeschichte

Die BRD und die Sozialistische Republik Vietnam unterhalten seit 1975 diplomatische Beziehungen. Was der Kontaktaufnahme vorausgegangen ist, wird heute kaum noch erinnert

Von Hellmut Kapfenberger

Die Bundesrepublik Deutschland und die Sozialistische Republik Vietnam blicken am 23. September auf 45 Jahre diplomatische Beziehungen zurück. Das Jubiläum steht im Zeichen einer 2011 vereinbarten, nicht immer ungetrübten strategischen Partnerschaft. Wer in der DDR gelebt oder sich auch sonst nur ein wenig mit der Geschichte der deutsch-vietnamesischen Beziehungen auf diplomatischem Parkett beschäftigt hat, weiß natürlich, dass diese nicht an jenem Tag im Jahr 1975 ihren Anfang genommen haben. Aus gegebenem Anlass mit Nachdruck daran zu erinnern und die Vergangenheit nicht dem Vergessen anheim fallen oder nach Belieben verdrängen zu lassen, ist durchaus geboten. Es gibt mindestens zwei gewichtige Gründe dafür, dass von staatlicher deutscher Seite solchem Erinnern nichts abgewonnen werden kann. Zum einen müsste zwangsläufig konstatiert werden, dass nicht die Bundesrepublik sich als erste um eine Kontaktaufnahme mit Vietnam bemüht hatte. Zum anderen – und das wäre für einstige westdeutsche und wohl auch noch für jetzige Verantwortungsträger hierzulande sehr schmerzhaft – müsste eingestanden werden, dass die Bundesrepublik in Sachen Vietnam auf völkerrechtswidrigen Pfaden wandelte und mit erheblichem Aufwand den Krieg der USA gegen das südostasiatische Land unterstützte.

Erste Beziehungen

Lassen wir die Fakten sprechen. Am 3. Februar 1950 erkannte die Provisorische Regierung der erst einige Monate alten DDR die am 2. September 1945 gegründete Demokratische Republik Vietnam (DRV) an. Die stand zu dieser Zeit in einem harten Abwehrkampf gegen den nur Tage nach ihrer »Geburt« gestarteten Versuch Frankreichs, den verlorenen Kolonialbesitz Indochina zurückzuerobern. Die Regierung Ho Chi Minhs hatte am 14. Januar 1950 vom Widerstandszentrum im gebirgigen Landesnorden aus die Welt auf die Lage in Vietnam aufmerksam gemacht und als rechtmäßige Regierung des Landes ihre Bereitschaft bekundet, »diplomatische Beziehungen mit den Regierungen aller Länder aufzunehmen, die die Gleichberechtigung, territoriale Souveränität und nationale Unabhängigkeit Vietnams achten«. Am 7. März 1954 unterzeichneten die Botschafter der DDR und der DRV in Beijing im Auftrag ihrer Regierungen eine Vereinbarung über die Errichtung von Botschaften. Der 8. Dezember jenes Jahres gilt als Tag des Beginns der bilateralen diplomatischen Beziehungen. Johannes König, DDR-Botschafter in China, übergab am 2. Januar 1955 in Hanoi als Zweitakkreditierung sein Beglaubigungsschreiben. Am 30. August 1955 nahm die erste deutsche Botschaft im unabhängigen Vietnam mit Sitz in Hanoi, Pho Tran Phu 29, ihre Arbeit auf.

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Der Nowitschok-Superspreader Alexei Nawalny: Eine Opfersuche

In Nawalnys Organismus und an seiner Trinkflasche soll das tödliche Nervengift Nowitschok nachgewiesen worden sein. Trotz engster Körperkontakte zum “Vergifteten” blieben weitere Opfer aus. Eine Spurensuche des ehemaligen Kriminalbeamten Jürgen Cain Külbel.

von Jürgen Cain Külbel

Besonders imponiert hat mir im Fall Skripal die Szene mit der weltweit einzigartigen Synchron-Giftstarre, die den ehemaligen MI6-Spion Sergei und dessen damals 33-jährige Tochter Julia punktgenau zur gleichen Zeit, etwa um 16.15 Uhr, und am gleichen Ort, nämlich auf einer Parkbank im englischen Salisbury, ereilte. Das ist einen Eintrag in das kriminalistische Kuriositätenkabinett wert, vor allem wegen des perfekten Timings.

Wenn man bedenkt, dass beide um die Mittagszeit des 4. März 2018 am Wohnhaus von Sergei Skripal mit dem Gift in Berührung gekommen sein sollen und danach die gemeinsame Fahrt mit dem Pkw folgte, der Besuch eines Pubs, einer Pizzeria, dann das lockere Flanieren vorbei an einer Überwachungskamera; und plötzlich hat es Boom gemacht – irgendwie auf Knopfdruck. Das Biochemiewaffenlabor in Wiltshire (“Porton Down”) “identifizierte” hinterher Nowitschok als den gegen die Skripals eingesetzten Nervenkampfstoff.

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