Ein anderes Deutschland – Zum Tag der Befreiung und zum Tag des Sieges 8./9. Mai 2024

von Hans Bauer

Hans Bauer ist Vorsitzender der Gesellschaft zur rechtlichen und humanitären Unterstützung und Vizepräsident des Ostdeutschen Kuratoriums von Verbänden

„Ein großer Tag“ war der 8. Mai 1945. Der Tag der Befreiung des deutschen Volkes vom Faschismus. Die Hitlerarmee war geschlagen, zur bedingungslosen Kapitulation gezwungen. Den größten Anteil am Sieg der Alliierten hatte die Rote Armee. Und die Sowjetunion mit 27 Millionen Toten und einem verwüsteten Land die meisten Opfer.

Deutschland war zerstört, das deutsche Volk mehrheitlich faschistisch. Dass es mehr als nur das Ende des Krieges war, dass es eine Befreiung war, begriffen die meisten erst später. Nach dem Potsdamer Abkommen sollte es ein Neubeginn werden: friedlich, antifaschistisch, antimilitaristisch. Das verhinderten allerdings in drei Besatzungszonen die Westmächte mit Hilfe revanchistischer deutscher Politiker. Deutschland musste im Kalten Krieg gegen den „Bolschewismus“ stark gemacht werden.

Im Osten wurde die Axt an die Wurzeln des Faschismus gelegt. Mit radikalen Reformen. Ausgeführt von Befreiten aus Gefängnissen und Konzentrationslagern und Rückkehrern aus der Emigration. Unter dem Schutz der Sowjetmacht.

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Dank den Befreiern

Klaus Hartmann

Rede von Klaus Hartmann am Denkmal der Begegnung in Torgau, 27.04.2024.
Klaus Hartmann ist Präsident der Weltunion der Freidenker und stellvertretender Vorsitzender des Deutschen Freidenker-Verbandes

Wir feiern heute das Andenken an diesem Tag der Begegnung auf etwas merkwürdige Art: Denn dieser Tag findet ohne Begegnung statt. Das heißt, die Stadt Torgau hat am Donnerstag für ihre offizielle Feierlichkeit weder Vertreter der USA noch Vertreter der Russischen Föderation eingeladen. Das war wohl als besonders schlauer Trick gedacht, um nicht der Einseitigkeit beschuldigt zu werden.

Was es allerdings mit dieser Einseitigkeit auf sich hat, hat die Bundesregierung gegenüber der Russischen Föderation, ihrer Botschaft in Berlin, unmissverständlich zu verstehen gegeben: Vertreter der Russischen Föderation seien in diesem Jahr „unerwünscht“. Unerwünscht bei den Feiern zum Jahrestag der Befreiung, zum Jahrestag des Sieges, aber auch unerwünscht bei den Feierlichkeiten zur Erinnerung an die Befreiung der Konzentrationslager. Sowohl die Gedenkstättenleitung in Buchenwald hat offiziell Vertreter der Russischen Föderation ausgeschlossen, und getoppt wird alles noch durch ein Ereignis in Österreich, dass wir vielleicht so charakterisieren können: die Österreicher wollen wieder Anschluss finden an das Deutsche Reich.

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Deutsche Debatten: Von zahnlosen Friedenskämpfern und aggressiven Angriffskriegen

Von Tom J. Wellbrock

Die deutsche Debatte um den Ukraine-Krieg ist ermüdend, auch auf Seiten derer, die sich für Verhandlungen einsetzen. Denn wie so oft in den letzten Jahren wird die Geschichte nur stückchenweise erzählt – auch von denen, die Verhandlungen fordern.

Wo man auch hinschaut, wenn in Talkrunden vereinzelt Teilnehmer auftauchen, die sich für Friedensverhandlungen rund um den Ukraine-Krieg einsetzen, beginnt deren Redebeitrag immer mit der gleichen Argumentation:

“Natürlich verurteile ich den russischen Angriffskrieg auf die Ukraine. Putin hat völkerrechtswidrig die Ukraine angegriffen, darüber gibt es keine zwei Meinungen.”

So oder sinngemäß so tönt es dann, und das ist aus zwei Gründen nicht zielführend und inhaltlich mindestens unvollständig. Zum einen ist es psychologisch nicht klug, sich durch die Betonung auf den Angriff und dessen bedingungslose Verurteilung zu fokussieren. Denn alles, was danach an Argumenten kommt, ist zahnlos und lädt die Kontrahenten zum verbalen Gegenschlag ein. Denn wenn das Handeln Russlands grundsätzlich verurteilungswürdig ist, sind die daraus resultierenden Maßnahmen per se erst einmal in Ordnung.

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Spione aus dem Osten: Den alten Gegner im Visier und den Frieden im Blick

Tilo Gräser

Ehemalige Agenten, Aufklärer und Analytiker der DDR-Nachrichtendienste haben sich am Samstag bei Berlin getroffen. Dabei ging es um mehr als nur die Erinnerung an die Zeit als «Kundschafter des Friedens». Die Analyse der gegenwärtigen Verbrechen des westlichen Imperialismus, ihres alten Gegners, beschäftigte sie ebenso.

Sie waren nach eigenem Verständnis «Kundschafter des Friedens», die Agenten oder Spione und Aufklärer der DDR, die auf der anderen Seite zum Teil mit falscher Identität im Einsatz waren, wenn sie aus der DDR kamen. Sie waren entweder für die Hauptverwaltung A (HV A) des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) oder für die Verwaltung Aufklärung der Nationalen Volksarmee (NVA) der DDR tätig.

Heute sind sie meist im hohen Alter und werden immer weniger, aber sie bleiben aktiv, soweit es ihnen möglich ist, und setzen sich weiter für die eine grosse Aufgabe ihres Lebens ein: den Frieden. Sie tun das heute unter anderem in der Arbeitsgruppe Kundschafter der «Gesellschaft zur Rechtlichen und Humanitären Hilfe» (GRH). Und sie treffen sich immer wieder, um sich auszutauschen, ob über die Erinnerungen an die eigene aktive Zeit oder über das aktuelle Geschehen in der Welt.

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Wir wollen Ihren Krieg nicht!

Kay Strathus:

Verteidigungsrede von Kay Strathus vor dem Amtsgericht in Düsseldorf

Am Mittwoch vergangener Woche stand der Kriegsgegner Kay Strathus in Düsseldorf vor Gericht. Ihm wurde ein Verstoß gegen Paragraf 140 des Strafgesetzbuchs (Billigung von Straftaten) vorgeworfen, weil er auf unterschiedliche völkerrechtliche Betrachtungsweisen auf das russische Handeln im Ukraine-Krieg hingewiesen hatte. Das Verfahren endete mit einem Freispruch. Wir dokumentieren an dieser Stelle seine Verteidigungsrede.

Ich hätte nicht gedacht, dass ich gegen Ende meines Lebens noch einmal in einem politischen Prozess der Angeklagte sein würde. Auch hätte ich mir bis vor zwei Jahren nicht träumen lassen, dass man in Deutschland wieder für Standpunkte und Meinungsäußerungen strafrechtlich verfolgt wird, die von dem Narrativ abweichen, dass die Regierung über einen Krieg verbreitet, an dem sie selbst mittelbar beteiligt ist.

Ich will auf die Anklage der Staatsanwaltschaft eingehen und die darin enthaltenen Behauptungen, Unterstellungen, Widersprüche und Unwahrheiten richtigstellen. Anschließend möchte ich noch ein paar grundsätzliche Beobachtungen mitteilen und eine persönliche Bemerkung machen.

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