Von Melina Deymann
Erinnerungen sind eine merkwürdige Sache. Manches hat man glasklar vor Augen, anderes verschwimmt. Ich bin mir zum Beispiel nicht mehr sicher, wie meine Grundschullehrerin ausgesehen hat, weiß aber noch sehr genau, dass sie nicht besonders freundlich war. Und obwohl die Plattensammlung meines Vaters in meiner Kindheit eine große Rolle gespielt hat, erinnere ich mich nur an einige Alben besonders gut. Auf einem von diesen sang ein Mann mit einer markanten, tiefen Stimme. Während ich mir die Plattenhülle angucke, erklärt mein Vater mir (ich war vielleicht vier oder fünf), dass das Lied von einem Mann handelt, der ermordet wurde, weil er sich für die Rechte von Arbeitern eingesetzt hat. Das hat mir Angst gemacht. War mein Vater in Gefahr, weil er in der Gewerkschaft war? Es leuchtete mir aber ein, dass man an so jemanden erinnern muss. Erst als ich viele Jahre später vor dem Geburtshaus von Joe Hill im schwedischen Gävle stehe, wird mir so richtig klar, dass der schwarze Mann auf dem Plattencover nicht der ermordete Arbeiterführer war.
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