Kognitive Dissonanz – wie der Westen die Realität in Afghanistan verdrängte

In Deutschland wie auch in den USA hat die Überraschung über den Vormarsch der Taliban eine heftige Debatte über die Verlässlichkeit der Geheimdienstinformationen ausgelöst. Allerdings – in beiden Ländern lagen wohl zutreffende Einschätzungen vor; sie haben nur die Entscheidungen nicht beeinflusst.

Ein Kommentar von Dagmar Henn

Wie konnte es passieren, dass die Taliban scheinbar ohne Vorwarnung so schnell das ganze Land einnehmen? Warum war der Zustand der afghanischen Armee nicht bekannt? Diese und ähnliche Fragen dominieren augenblicklich die Debatte. All die teuren Dienste mit ihren Agenten und ihren gigantischen Abhöreinrichtungen hätten die entscheidenden Informationen übersehen.

Gestern allerdings schrieb das Wall Street Journal, es habe sehr wohl eine entsprechende Warnung gegeben, die über den “dissent channel”, den Kanal für abweichende Meinungen, eingegangen sei, und zwar schon am 13. Juli. Dieser Kanal für abweichende Meinungen endet unmittelbar auf dem Tisch des Außenministers. Er wurde in den USA bereits während des Vietnamkriegs eingeführt, als die Erfahrung gemacht wurde, dass abweichende Meinungen oft hilfreich sein können. Die Absender sollen nicht sanktioniert werden.

23 Mitarbeiter der US-Botschaft in Kabul sollen dieses Schreiben unterzeichnet haben. Sie warnten vor einem Zusammenbruch der afghanischen Sicherheitskräfte und forderten eine Beschleunigung der Evakuierungsmaßnahmen.

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Die Demütigung des Wertewestens in Afghanistan

von Rainer Rupp

“Das ist nicht Saigon”. Mit diesen Worten verteidigte US-Außenminister Anthony Blinken die chaotische Evakuierung des US-Botschaftspersonals und weiterer US-Bürger aus der afghanischen Hauptstadt Kabul. Damit wies er die Anspielungen in US-Medien und internationalen Presse auf die Niederlage der USA im Vietnamkrieg 1975 zurück. Damals gingen die apokalyptischen Bilder der Rettung des US-Personals per Hubschrauber vom Dach der US-Botschaft in Saigon rund um die Welt.

Derweil sprechen US-Senatoren und Kongressabgeordnete sogar von einer Situation, die „schlimmer als Saigon“ ist und werfen Präsident Joe Biden vor, „sich in Camp David zu verstecken, während die Taliban Amerika erniedrigen. Die Einnahme Kabuls durch die Taliban und der US-Abzug aus Afghanistan seien für die Vereinigten Staaten das „schlimmste außenpolitische Desaster seit Generationen“, so z.B. Senator Ben Sasse (Republikaner von Nebraska) letzten Montag.

Aber Senator Sasse bellt den falschen Baum an. Nicht der überhastete US- und NATO-Abzug aus Afghanistan ist das Desaster, sondern die verbrecherische politische Entscheidung vor 20 Jahren, Afghanistan militärisch zu erobern und zu amerikanisieren. Senator Sasse sollte an die Hunderttausende von toten afghanischen Zivilisten denken und sich empören. Stattdessen sind es die über 5.000 toten US-Soldaten und US-Söldnern, und die 2250 Milliarden Dollar (2.250.000.000.000 $) offizieller Afghanistan-Kriegskosten, die sein Land in Afghanistan für nichts und wieder nichts in den Sand gesetzt hat.

Auch in den NATO-Hauptstädten hat inzwischen das politische Spielchen der Schuldzuweisung für die dieses Desaster begonnen. Dabei geht es wohlgemerkt nicht darum, wer für den kriminellen Angriffskrieg gegen Afghanistan und das nachfolgende Besatzungsregime verantwortlich ist, sondern es geht nur um das Abzugsdesaster. In Deutschland hatten sich vor 20 Jahren alle etablierten Parteien – mit Ausnahme der „Linken“ – Hals über Kopf an der Seite der Amerikaner in den Afghanistan-Krieg gestürzt, um Washington ihre Vasallenqualität zu demonstrieren.

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Chinas Jahrhundert der Erniedrigung

Das Trauma der Hundert Jahre Fremdherrschaft und Erniedrigung spielt nicht nur eine prägende Rolle in Chinas jüngerer Geschichte, sondern auch in der aktuellen Politik des Landes. Es erklärt, warum China sich rigoros gegen jede Einmischung in seine inneren Angelegenheiten verwahrt.

von Rainer Rupp

Die westliche imperialistische Aggression gegen China war von kolossaler, unerbittlicher und soziopathischer Natur. Die moralische Verdorbenheit der westlichen Eindringlinge ist reichlich dokumentiert. Und die Dokumente führen alle westlichen Ansprüche, eine überlegene Zivilisation zu repräsentieren, ad absurdum. Die meisten dieser Nationen, insbesondere die anglo-amerikanische Allianz, sind immer noch dabei zu versuchen, dem chinesischen Volk durch Drohungen, Zwang und offene Gewalt ihre Vorherrschaft aufzuzwingen.

Wer begreifen will, was heute in China vor sich geht, der sollte sich bemühen, die 3.600 Jahre alte, schon damals schriftlich aufgezeichnete Geschichte der großen Kulturnation China besser kennenzulernen. Erst dann wird voll verstehen, mit welcher Wucht  China vom “Jahrhundert der Erniedrigung” getroffen wurde und welche tiefen Narben diese Zeit im kollektiven Gedächtnis des chinesischen Volkes hinterlassen hat.

Das “Jahrhundert der Erniedrigung” bedeutete für die Chinesen, im eigenen Land rechtlos kolonialer Willkür unterworfen zu sein und in absolutem materiellem Elend zu leben. Erst mit der endgültigen Befreiung von der Fremdherrschaft auf dem chinesischen Festland im Jahr 1949 unter Führung der Kommunistischen Partei Chinas konnte Chinas Kampf gegen Hunger und Krankheiten sowie der nächste lange Marsch in Richtung Wiedergeburt von Chinas kultureller, wirtschaftliche, politischer und militärischer Größe beginnen.

Dieser Weg hat sich letztlich als grandioser Erfolg erwiesen: Heute wird Chinas Erfolg rund um die Welt bewundert, wenn auch nicht immer neidlos. Das ist auch der Grund, weshalb das chinesische Volk trotz vieler schwerer Irrungen und Wirrungen der Kommunistischen Partei, die im Laufe der vergangenen sieben Jahrzehnte teilweise schwere Opfer an Menschen und Material gefordert haben, mit großer und fester Mehrheit auch heute noch hinter dieser Partei steht, welche jüngst ihr hundertjähriges Bestehen gefeiert hat.

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Kramp-Karrenbauers Kanonenboot-Politik im Südchinesischen Meer

Berlin will an der Seite der USA für die “regelbasierte internationale Ordnung” eintreten. In der SPD haben einige kalte Füße bei dieser Politik bekommen. Aber Verteidigungsministerin Kramp-Karrenbauer hätte gerne noch robustere Signale an die Adresse Pekings geschickt.

von Rainer Rupp

Kurs auf China: Die Fregatte “Bayern” hat dieser Tage Kurs auf China genommen, ausgerechnet ins aktuelle militär-politische Hochspannungszentrum des Südchinesischen Meers. Dort soll das stolze deutsche Kriegsschiff gegen China “Flagge zeigen” an der Seite der Amerikaner, Briten und Franzosen und anderer NATO-Verbündeter, die sich bereits dort tummeln.

Damit hätten sich vor den Küsten Chinas wieder dieselben Raubtiere vereint, die während des Jahrhunderts der chinesischen Erniedrigung, China geknechtet und ausgeraubt, gemordet und gebrandschatzt haben. Dieses bis heute präsente, chinesische Trauma begann 1840 mit dem Opium-Krieg, in dessen Verlauf die zivilisierten, christlich-humanen Kolonialstaaten China mit unaussprechbarer Brutalität versklavten, um dann endlich im Jahr 1949 von der Volksbefreiungsarmee vertrieben zu werden. Dank der kolonialen Hilfe des Westes war die uralte Kulturnation China auf das Niveau eines zerrissenen, bettelarmen, chaotischen Landes der Dritten Welt zurückgefallen, in dem kaum noch jemand lesen und schreiben konnte.

Als die deutsche Fregatte vor ein paar Tagen am 2. August mit 230 Männern und Frauen an Bord von Wilhelmshaven in See stach, wurde sie von der deutschen “Verteidigungs”-Ministerin Kramp-Karrenbauer mit markigen Worten verabschiedet. Allerdings erwähnte die Dame nicht, dass die Verabschiedung der “Bayern” fast auf den Tag genau 121 Jahre nach der Verabschiedung des “deutschen Ostasiatischen Expeditionskorps” am 27. Juli 1900 vom gerade mal 25 Kilometer Luftlinie entfernten Bremerhaven stattfand. Auch damals war das Ziel China, mit dem von Seiner Kaiserlichen Majestät Wilhelm II höchst persönlich erteilten Auftrag, den Aufstand der patriotischen chinesischen Boxer-Freiheitsbewegung, die auch die im Süden der Shandong-Halbinsel an Chinas Ostküste gelegenen deutsche Kolonie erfasst hatte, mit äußerster Brutalität niederzuschlagen und auch vor Massakern nicht zurückzuschrecken.

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Corona Lockdowns im reichen Westen

Hungerkatastrophe bei den Armen.

von Rainer Rupp

Einführung

Der Kampf gegen die so genannte „Corona-Epidemie“ wurde von vielen westlichen Regierungen als „Krieg“ definiert und über weite Strecken auch wie ein Krieg geführt, hauptsächlich gegen die eigene Bevölkerung. Die dabei entstandenen Kollateralschäden wurden von den herrschenden Eliten weitgehend ignoriert oder heruntergespielt, zumal die Entwicklungs- und Schwellenländer viel verheerender davon betroffen sind als die im einkommensstärkeren Westen, obwohl auch im reichen Westen die unteren Bevölkerungsschichten immer mehr verarmen.

Der militärische Begriff “Kollateralschaden” ist ein Synonym für nicht beabsichtigte Schäden. Während der Monate langen, völkerrechtswidrigen und angeblich „humanitären“ Bombardierung Restjugoslawiens im Jahr 1999 durch die NATO unter Beteiligung der sich gerne als Friedensstaat präsentierenden Bundesrepublik Deutschland wurde der Begriff international bekannt und verhasst. Denn der damalige NATO-Informationsdirektor mit dem ewig lächelnden Gesicht, Jamie Shea, hatte in den alltäglichen TV-Abendnachrichten über die NATO-Erfolge die Tausende von NATO-Bomben zerfetzten oder verstümmelten Zivilisten, Frauen, Kinder und Alte beiläufig als „Kollateralschäden“ abgetan.

Aktuell führen die neo-liberalen Eliten und ihre Regierungen in den Ländern des kapitalistischen Westens mit Lockdowns und anderen, die Wirtschaft und Gesellschaft zersetzenden Maßnahmen erklärtermaßen wieder Krieg, diesmal allerdings gegen die eigene Bevölkerung. Und in diesem nun fast eineinhalb Jahre wütenden Kampf gegen Corona, dessen destruktive Folgen denen eines Schießkrieges kaum nachstehen, sind die Kollateralschäden besonders hoch. Tatsächlich dürfte die Zahl, der auf Grund von anti-Corona-Maßnahmen produzierten Toten bei weitem die Zahl der Menschen übertreffen, die angeblich von den Maßnahmen vor einem Covid-19 Tod gerettet werden.

Dabei geht es nicht allein um Todesfälle wie z.B. durch verpasste Krebsbehandlungen, obwohl auch die eine beängstigende Dimension erreichen. Zur Erinnerung: Richard Sullivan, Professor für Krebserkrankungen am berühmten King‘s College in London, warnte (1) bereits vor einem Jahr, dass wegen des Corona Lockdowns in den nächsten 5 Jahren es mehr Todesfälle durch verpasste Krebsbehandlungen geben werde, als die Zahl der Menschen, die Dank des Lockdowns von Covid-19 verschont geblieben sind. Ähnliche Untersuchungen gibt es für Deutschland.

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