In Deutschland wie auch in den USA hat die Überraschung über den Vormarsch der Taliban eine heftige Debatte über die Verlässlichkeit der Geheimdienstinformationen ausgelöst. Allerdings – in beiden Ländern lagen wohl zutreffende Einschätzungen vor; sie haben nur die Entscheidungen nicht beeinflusst.
Ein Kommentar von Dagmar Henn
Wie konnte es passieren, dass die Taliban scheinbar ohne Vorwarnung so schnell das ganze Land einnehmen? Warum war der Zustand der afghanischen Armee nicht bekannt? Diese und ähnliche Fragen dominieren augenblicklich die Debatte. All die teuren Dienste mit ihren Agenten und ihren gigantischen Abhöreinrichtungen hätten die entscheidenden Informationen übersehen.
Gestern allerdings schrieb das Wall Street Journal, es habe sehr wohl eine entsprechende Warnung gegeben, die über den “dissent channel”, den Kanal für abweichende Meinungen, eingegangen sei, und zwar schon am 13. Juli. Dieser Kanal für abweichende Meinungen endet unmittelbar auf dem Tisch des Außenministers. Er wurde in den USA bereits während des Vietnamkriegs eingeführt, als die Erfahrung gemacht wurde, dass abweichende Meinungen oft hilfreich sein können. Die Absender sollen nicht sanktioniert werden.
23 Mitarbeiter der US-Botschaft in Kabul sollen dieses Schreiben unterzeichnet haben. Sie warnten vor einem Zusammenbruch der afghanischen Sicherheitskräfte und forderten eine Beschleunigung der Evakuierungsmaßnahmen.
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